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ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann über Bolzplatzfußball, Gendern und das Champions-League-Finale [Podcast]

Lesedauer: 6 Minuten

© Claudia Neumann

TV-Journalistin Claudia Neumann zu Gast in der vierten Folge des Zwischenstopp. Wir haben die besten Aussagen der bekanntesten deutschen Live-Kommentatorin von Sportereignissen zusammengefasst.

© FUSSBALL KONGRESS

Claudia Neumann: Frau kann Fußball

Früh übt sich…

Als Kind wuchs ich beinahe nur mit Jungs auf – man geht raus, zuerst auf die Straße, dann auf den Bolzplatz und kickt gegen alles, was rund ist. Das war der klassische Bolzplatzfußball, verbunden mit einer riesigen Leidenschaft. Die erste Weltmeisterschaft, die ich miterlebte, war 1974 in Deutschland, die wir gewinnen konnten. Das war unsere Sozialisierung: Kicken und sich mit Fußball auseinandersetzen. Über die Jahre hinweg entstand der Berufswunsch Sportreporterin zu werden.

Der Weg zum Traumberuf…

Damals gab es nicht die gleichen Möglichkeiten wie heute. Ich begann Germanistik zu studieren mit Sport als Nebenfach. Nebenbei war ich beim Hörfunk und schrieb Artikel für den regionalen Sport. Ich wagte mit einem Praktikum den Schritt zu RTL. Da ich aus dem Rheinland komme, lag der Sender gelegen. Von dieser Hospitanz lief mein Karriereweg fast perfekt: Es folgte eine freie Anstellung bei RTL, ehe ich von SAT.1 abgeworben wurde und schließlich beim ZDF landete.

Vom Feld zum Mikrofon: Die ersten großen Turniere…

Meine erste Männer-WM war 1994 in den USA. Hier war ich als Reporterin im Einsatz. Von da an war ich fortlaufend bei allen großen Turnieren dabei. Bei den Frauen hatte ich mein Debüt 2003 – genau vor 20 Jahren. Das Turnier wurde ebenfalls in den USA ausgetragen als Deutschland zum ersten Mal Weltmeister wurde. Bei den Olympischen Spielen in Peking hatte ich meine ersten Einsätze als Live-Kommentatorin.

© Claudia Neumann

Sei das, was du bist…

Man muss die zu berichtende Sportart sehr gut kennen und beherrschen. Ich kommentiere keine Sportart, deren Seele ich nicht verstehe. Ballsport ist mein Sport, vielleicht käme noch die eine oder andere Sportart infrage. Das dazugehörige Handwerk entwickelt sich im Laufe der Jahre und ist nicht zu unterschätzen. Es gibt analytische, aber auch sachliche Kommentatoren, dennoch ist es vor allem wichtig, authentisch zu sein. Wähle einen Stil, der zu dir passt und verstelle dich nicht. Ich sage jungen Kollegen immer: sei das was, du bist.

Veränderung des Kommentars…

Ein Kommentar ist ein Zeitgeist. In den 80er-Jahren waren die Kommentatoren völlig zurückhaltend, im Volumen und in ihrer Emotion. Schreien allein verstärkt keine Emotionen, die können auch anders vermittelt werden. Der Stil hat sich mehrmals gewandelt. Früher gab es zwei öffentlich-rechtliche Sender, heute hast du verschiedene Anbieter und Streamingdienste. Ich finde es beispielweise super, dass DAZN mit einer »jüngeren« Herangehensweise einen anderen Weg versucht.

Gendern im Live-Kommentar…

Dieses Thema ist in den letzten drei, vier Jahren aufgekommen. Ich freue mich, über den  Wandel der Gesellschaft, aber die Genderdebatte ist überflüssig. Ich versuche mich immer, in die Perspektive derjenigen zu versetzen, die sich durch meinen Kommentar ausgeschlossen fühlen. Wenn sich Menschen diskriminiert fühlen, wird das für mich zum Hauptkriterium alles so zu machen, um Niemanden auszuschließen. Das diese Dinge im Live-Kommentar nicht immer funktionieren, muss man den Menschen nachsehen. Das ist ein Transformationsprozess. Ich habe nichts gegen Personen, die Gendern ablehnen, da ich mich persönlich nicht angegriffen fühle. Aber ich versuche immer, zu verstehen zu geben, ein bisschen Toleranz zu zeigen.

Das Champions-League-Finale…

Ich bin mit Herzblut Kommentatorin. Natürlich freute ich mich, das Finale der Champions League kommentieren zu dürfen. Das war was Besonderes, aber kein Lebenstraum, der sich erfüllte. Ich hörte öfters: Warum muss sie das Finale kommentieren. Bei aller Sympathie und Unterstützung gibt es immer noch Sportchefs, die die Entscheidungen treffen, die bestens Bescheid wissen.

Der Tag des Endspiels…

Am Spieltag selbst gibt es eine Redaktionskonferenz und du bereitest dich auf die Partie vor. Solche späten Spiele sind immer zäh, da du den Tag irgendwie rumbekommen musst. Meine liebste Anstoßzeit ist deshalb 18.00 Uhr, weil man hier Ausschlafen und Trainieren kann – und nicht so viel Zeit totschlagen muss.

© FUSSBALL KONGRESS

Vorbereitung ist alles…

Es gibt Mechanismen, die sich wiederholen. Ich bereite mich immer gleich vor. Bei einem Finale ist es wichtig, dass du auch das ganze rundherum miteinbeziehst. Die Vorbereitung ist viel und trotzdem können Fehler passieren.

Die Vorbereitung für eine Frauen-WM ist  deutlich aufwendiger. Wenn Länder wie Sambia oder Costa Rica dabei sind, bin ich so transparent und sage: Passt auf, ich kenne die Spielerinnen nicht. Hier musst du die Zuschauer einladen, die Spielerinnen kennenzulernen und sich ein gemeinsames Bild zu machen.

Fliegende Blätter in Frankreich…

Mich fragte jüngst ein Kollege, wie viel ich im Kopf hätte, wenn ich meinen Rucksack mit allen Unterlagen für das Spiel verlieren würde. Am Ende hätte man viel im Kopf, weil man sich intensiv vorbereitet hat, aber an jede Statistik würde man sich nicht erinnern. Letztlich sind die Unterlagen ein Korrektiv.

Das Kurioseste, was mir je passiert ist, war vor vier Jahren bei der Frauen-WM in Frankreich vor dem Spiel Deutschland gegen Spanien. Kurz vor Anpfiff gab es einen Windstoß und alle meine Blätter flogen durch die Luft. Ich konnte nur beobachten, wie sie in den Unterrang flogen. Mein Redakteur sprintete hinunter und sammelte mithilfe des Publikums alles ein – das war ziemlich amüsant.

Der Umgang mit dem Hass…

Als Kommentatorin musst du mit Kritik umgehen können – manchmal berechtigt und sachlich, ein anderes Mal unberechtigt und unsachlich. Dazu kommt die hohe Emotionalität des Fußballs. Wir befinden uns aktuell in einer sehr aufgeregten Gesellschaft. Hier findet nicht jeder den idealen Weg, mit Belastungen umzugehen.

Ich höre die Frage gefühlt zum 2.000 Mal und kann sie immer nur gleich beantworten wie beim ersten Mal. Ich versuche es so gut es geht zu ignorieren. Ich kann es auch gut einordnen, aber es sind Aufgaben, die wir in Zukunft als Gesellschaft lösen müssen.

© Claudia Neumann

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