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Markus Kraetschmer: »Die Popularität von American Football in Österreich wird stark zunehmen«

Den meisten Sportfans ist der Name Markus Kraetschmer ein Begriff. Nach fast 24 Jahren beim FK Austria Wien besitzt der Spitzenfunktionär nun sein eigenes Unternehmen. Ein Gespräch über persönliche Anfeindungen, lukrative Klub-Beteiligungen und American Football als spannender Zukunftsmarkt.
Lesezeit: 10 Minuten

Markus Kraetschmer war bis zum 30. Juni 2021 fast 24 Jahre für den FK Austria Wien in verschiedenen Funktionen, zuletzt als CEO tätig. Mit Juli 2021 gründete er die MK Consulting GmbH und fungiert nunmehr als Unternehmensberater mit Schwerpunkt Sportconsulting. Neben einigen Mandaten im Fußball berät er Vereine im American Football, Volleyball und Basketball.

Wir haben den Unternehmer im Rahmen einer Lehrveranstaltung des Universitätslehrgang Sportjournalismus zum Exklusiv-Gespräch getroffen, um mit ihm über Titel, Irritationen, Selbstständigkeit und American Football zu sprechen. Im Laufe des knapp eineinhalbstündigen Gesprächs wird klar: Kraetschmer bleibt für immer der, der er wohl schon immer war – ein Visionär, der alles daran setzt, seine Träume zu verwirklichen.

INTERVIEWTRAINING Im Rahmen einer Lehrveranstaltung des Universitätslehrgangs Sportjournalimus durften angehende Sportredakteure ausführlich und kritisch mit Markus Kraetschmer über seinen Werdegang sowie seine aktuelle Projekte sprechen. | © SBM

Herr Kraetschmer, Sie waren 24 Jahre lang beim FK Austria Wien tätig. Wie sind Sie von einem Controlling-Job bei der Bank zum Funktionärs-Dasein bei einem österreichischen Traditionsverein gekommen? Hatten sie als Kind bereits eine »violette Brille« auf?

Ja, das kann man wohl sagen (schmunzelt). Ich bin schon seit meiner Kindheit Austria-Wien-Fan, bin die klassische »Parkkicker-Generation« aus Wien. Die Spiele im Stadion waren immer ein Erlebnis. Ich wollte auch für die Austria spielen, mein Vater hat es mir aber verboten. Er wollte, dass ich etwas »Gescheites« lerne, Schulmodelle wie heute gab´s damals noch nicht.

Zu meinem Job bin ich eher zufällig gekommen. Ich hatte ein Praktikum bei der Schoellerbank, die damals Sponsor des Klubs war, dadurch konnte ich bei verschiedenen Projekten mitarbeiten. Als ich nach Studienende fix in der Bank beschäftigt war, wurde mir nach einiger Zeit angeboten, bei der Wiener Austria zu arbeiten. Meine Mutter war von der Idee, die Chance auf eine Bankkarriere aufzugeben, nicht begeistert. Dass ich rückblickend 24 Jahre diesen Verein mitgestalten durfte und so Hobby und Beruf verbinden konnte, hätte ich mir nie erträumt.

Was waren Ihre persönlichen Highlights in Ihrer Zeit bei Austria Wien?

Was mich persönlich fasziniert, ist das wirtschaftliche Wachstum des Fußballs in den letzten Jahrzehnten. Wir sind von einem Jahresbudget von fünf Millionen Euro auf ungefähr 38 Millionen Euro gestiegen. Wir waren damit immer in den Top 3 der Liga.

Auf der anderen Seite stehen die sportlichen Erfolge. Der emotionalste Erfolg war sicherlich 2013 der Meistertitel und die Champions-League-Teilnahme. Sportlich, aber auch wirtschaftlich war das eine völlig andere und neue Dimension.

Sie haben in Ihrer aktiven Zeit mit vielen Fußballlegenden zusammengearbeitet. Haben Sie die eine oder andere amüsante Anekdote für uns?

Ja, das kann man sagen (lacht). Die Verpflichtung von Thorsten Fink war eine Achterbahnfahrt. Er war damals schon auf dem Weg zu seinem vermeintlich neuen Verein, Sparta Prag, da haben wir ihn mit unserem »Wiener Schmäh« gerade noch zu einer Kehrtwende bewegen können.

Und in Stronach-Zeiten haben wir den Brasilianer Djalminha verpflichten können, einen der technisch stärksten Spieler, der jemals bei den Veilchen gespielt hat. Als er das erste Mal im damaligen Franz-Horr-Stadion war, meinte er: »Schöner Trainingsplatz.« Ich musste ihm zu seiner Verwunderung erklären, dass das unser Stadion ist (lacht).

INSIGNIA GROUP »Mit dem Wissen von heute wäre man diesen Deal in dieser Form nicht eingegangen« | © Krae/Bildagentur Zolles

Seit über einem Jahr gehen Sie und der FK Austria Wien getrennte Wege. Wie gehen Sie mit negativer Kritik und Anfeindungen um?

Das war ein schwieriges Thema, jedoch kann ich heute sagen, dass die Verantwortlichen der Wiener Austria und ich eine faire Lösung gefunden haben, wir uns mit Respekt begegnen und ich dieses Kapitel meiner beruflichen Laufbahn abschließen konnte. Zudem bin ich nach wie vor Austria-Wien-Fan, verfolge die sportliche Entwicklung – auch wenn ich in letzter Zeit keine Spiele im Stadion gesehen habe. Auch die Anfeindungen gewisser Fangruppierung sind für mich persönlich erledigt. Jetzt schaue ich nach vorne und freue mich, Vereinen wie den Vienna Vikings im American Football helfen zu können.

Sie haben über die Champions-League-Teilnahme gesprochen. Wie kann es sein, dass es wenige Jahre später 78 Millionen Euro Schulden und Probleme gab, die Lizenz zu erhalten?

Nach der Teilnahme an der Champions League war nicht alles negativ. Wir wollten die daraus lukrierten Einnahmen teilweise in die Entwicklung unserer Infrastruktur und wichtige Zukunftsprojekte investieren: Stadion, Frauenfußball und Nachwuchsförderung. Wenn man sportlich wachsen will, muss man sich auch auf wirtschaftlicher Ebene anpassen. Der Bau des Stadions und die Entwicklung der Infrastruktur wurde auf Basis eines detaillierten Konzepts mit langfristigen Kreditfinanzierungen nicht nur von den Gremien genehmigt, sondern war auch essenziell, um langfristig international spielen zu können, was wiederum für die wirtschaftliche Entwicklung für die Ziele eines Klubs wie Austria Wien unabdingbar ist.

Man hat es nicht geschafft, das sportliche Niveau zu halten – und die so wichtigen Einnahmen aus Transfers und internationalen Bewerben blieben aus. Zusätzlich kamen im März 2020 die Covid-19-Pandemie und die daraus folgenden schweren finanziellen Einbußen. Das war eine Last, die zu den besagten Problemen geführt hat.

SELBSTSTÄNDIGKEIT »Bekannte von mir sagen, dass ich nun entspannter wirke« | © Christian Hofer

Wie hat man mit dem Selbstverständnis eines FK Austria Wien einen Deal mit der bereits im Vornhinein umstrittenen Insignia Group eingehen können?

Es heißt so schön: »Im Nachhinein ist man immer gescheiter.« Mit dem Wissen von heute wäre man diesen Deal in dieser Form nicht eingegangen.

Es war ein langer Prozess. Wir haben sehr viel Zeit und Ressourcen investiert, um Investoren für den Klub zu finden. Schlussendlich wurde dieses Konzept von den Gremien genehmigt. Es wurden keine Anteile an der Profi-Kapitalgesellschaft vom Verein abgegeben, der Klub sollte weiter wachsen und dafür benötigten wir internationale Kontakte, die man sich von der Insignia Group erwartet hat.

Sie waren 24 Jahre lang in einem Verein beschäftigt, jetzt sind Sie mit Ihrer MK Consulting selbstständig. Was war für Sie die größte Umstellung?

Nach einem Jahr der Selbstständigkeit kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Es ist auf jeden Fall ein großer Unterschied, ob man selbstständig oder angestellt ist.

Eine der größten Umstellungen ist, dass man von Beginn an kein fixes monatliches Einkommen bezieht, Abrechnungen meist projektbezogen und unregelmäßig erfolgen. Wichtig war und ist für mich, dass ich mein Unternehmen ganz allein führen kann, somit schnell und flexibel agieren kann. Bei Projekten arbeite ich in einem Team mit Spezialisten aus anderen Fachgebieten zusammen.

Bekannte von mir sagen, dass ich nun entspannter wirke. Es bringt also auch Vorteile, sein eigener Chef zu sein.

Wie sehr hat Ihnen Ihr Netzwerk für aktuelle und zukünftige Projekte geholfen?

Es war und ist eine enorme Hilfe. Ich konnte in den 24 Jahren bei der Wiener Austria viele wertvolle Kontakte in der nationalen und internationalen Sportwelt knüpfen, auch außerhalb des Fußballs. In Krisensituationen habe ich aber auch gemerkt, wer meine wahren Freunde sind. Da wurde ich sowohl positiv als auch negativ überrascht. Durch meine neue Aufgabe kann ich nun auch in die Welt anderer Sportarten eintauchen, wie zum Bespiel Volleyball, Basketball und American Football.

 
VIENNA VIKINGS »Weitere Sponsorengelder lukrieren und die Anzahl der Zuseher bei den Spielen der ELF erhöhen« | © Hannes Jirgal/Vienna Vikings

Bei den Vienna Vikings haben Sie mit Ihrem Unternehmen ein Beratungsmandat. Was sind Ihre Aufgabenbereiche?

Die Sportart American Football hat in Österreich noch nicht den Stellenwert wie in vielen anderen Ländern, weshalb unter anderem die European League of Football (ELF) gegründet wurde. Die NFL hat eine klare Wachstumsstrategie in Europa, die Fanbasis wächst auch in Österreich rasant, was den Sport äußerst interessant macht.

Bei den Vienna Vikings lag mein Fokus zunächst darauf, eine gute Struktur mit zu entwickeln, die den gemeinnützigen Verein erhält und fördert, gleichzeitig aber auch die Basis für professionelle Entwicklung gibt. So wurde eine Kapitalgesellschaft gegründet, dafür wurden und werden Investoren gesucht. Als nächsten Schritt ist es mir wichtig, dass die Vikings weitere Sponsorengelder lukrieren und die Anzahl der Zuseher bei den Spielen der ELF erhöhen.

Neben dem Beratungsmandat besitzen Sie auch eine Beteiligung an der Vikings GmbH. Was hat es damit auf sich?

Die strukturellen und sportlich-wirtschaftlichen Probleme sind in nahezu allen Sportarten ident. Dennoch bin ich überzeugt, dass man mit einer guten mittel- und langfristigen Strategie in Kombination mit einer nachhaltigen Struktur viel bewegen und entwickeln kann. Aus diesem Grund habe ich mich von Beginn weg an diesem zukunftsorientierten Projekt beteiligt, um auch zu zeigen, wie sehr ich an dieses glaube. Ich habe zuletzt meinen Anteil sogar erhöht.

Beteiligungen sind neben meiner Rolle als Berater ein wichtiges Asset meines Unternehmens. Beispielsweise ist die MK Consulting in unterstützender Funktion auch im Basketball bei den Vienna D.C. Timberwolves tätig, auch dort läuft gerade ein Investorenprozess, ebenso prüfe ich gerade Beteiligungsoptionen bei weiteren Start-ups im Sportbereich.

Kann American Football in Österreich zu den führenden Sportarten wie Fußball oder Skifahren aufschließen?

Aus historischen Gründen sind Fußball und Skifahren zwar die beliebtesten Sportarten, die Popularität von American Football in Österreich wird aber mit Sicherheit weiterhin stark zunehmen.

Was mich für den American Football positiv stimmt, sind die innovativen Förderprogramme der NFL und Initiativen wie die European League of Football. Die ELF soll beispielsweise dabei helfen, den Bekanntheitsgrad und die Beliebtheit der Sportart in Europa zu steigen. Der Fokus liegt klar auf der Zielgruppe der 14- bis 34-Jährigen und Familien. Ich bin sehr optimistisch, dass der Plan auch so funktionieren wird.

AMERICAN FOOTBALL »Was mich positiv stimmt, sind die innovativen Förderprogramme der NFL und Initiativen wie die European League of Football« | © Hannes Jirgal/Vienna Vikings

Sie haben bereits erwähnt, dass Ihnen der Berufswechsel guttut. Ist die Türe Fußball für Sie für immer geschlossen?

Überhaupt nicht, da mich die Sportart noch immer sehr fasziniert. Fußball ist noch immer die populärste Sportart weltweit und ich durfte 24 Jahre in diesem Bereich arbeiten. Mir gefällt allerdings an meinem jetzigen Berufsalltag auch die Diversität, die die verschiedenen Sportarten mit sich bringen.

Um ehrlich zu sein, tut mir der Abstand zum Fußball auch gut, dennoch bedeutet das nicht, dass ich nicht wieder in diesem Bereich tätig werde. Die Möglichkeiten und die Bandbreite, die der Fußball bietet, sind enorm.

Wäre für Sie eine Rückkehr zum FK Austria Wien denkbar?

Wie auch schon James Bond sagte: »Sag niemals nie« (grinst). Heute wäre eine Rückkehr aus verschiedensten Gründen aber nicht sinnvoll, auch viel zu früh. Ist demnach auch kein Thema. Der Klub ist auf einem guten sportlichen Weg, muss sich nach den vielen Veränderungen weiter stabilisieren.

Aber man weiß auch, wie schnell gerade im Sport Veränderungen passieren können.

Wie stellen Sie sich Ihre perfekte Zukunft vor?

Der Spaß und die Freude am Beruf sind für mich immer sehr wichtig gewesen und werden es auch weiterhin bleiben. Ich möchte mein Unternehmen und die damit verbundenen Projekte weiter vorantreiben, nachhaltig entwickeln. Egal ob im Fußball, American Football, Basketball oder Volleyball: Ich freue mich, mein Wissen und meine Expertise weitergeben zu dürfen. Mit meinen 50 Jahren denke ich noch lange nicht an den Ruhestand.

Herr Kraetschmer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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