© Alexander Friedl
»Die schlimmste Wanderung meines Lebens.« So beschreiben viele die Besteigung des Acatenango in Guatemala. Zwischen Lavaeruptionen und totaler Erschöpfung teste ich erstmals Barfußschuhe auf knapp 4.000 Metern Höhe am Fuße eines Feuer speienden Vulkans – eine waghalsige Entscheidung?
© Alexander Friedl
Ich werde mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Ein lauter Knall. Für einen kurzen Moment kann ich ihn nicht einordnen – es klingt wie ein Donnerschlag. Es ist bitterkalt, knapp 3.600 Meter über dem Meeresspiegel, die Temperatur nahe am Gefrierpunkt. Ich erhebe mich aus meinem Schlafsack, blicke aus dem kleinen Fenster unserer Holzhütte und kann meinen Augen kaum trauen.
Meterhohe Lavafontänen schießen aus einem Vulkan. Eine Eruption, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Und das nur wenige hundert Meter von mir entfernt. Die orangefarbene Lava sprüht sekundenlang in die Luft, danach rinnt das glühend heiße Gestein den Berg hinunter. Es ist eindrucksvoll. Surreal. Und zugleich erschreckend. Für einen Moment fühlt es sich an, als wäre ich Teil eines Katastrophenfilms. Ich werde demütig und spüre die rohe, unkontrollierbare Kraft der Natur.
Nach gut 60 Sekunden ist das Spektakel vorbei. Ich halte noch einen Moment inne, ehe ich zurück in meinen Schlafsack schlüpfe. Warm eingepackt schließe ich die Augen und frage mich, ob ich das eben wirklich erlebt habe.
© Wicho & Charlie’s
Zwischen Faszination und Grenzerfahrung
Ich befinde mich gemeinsam mit meiner Freundin in Guatemala, genauer gesagt in Antigua, der ehemaligen Hauptstadt des Landes und seit 1979 UNESCO-Weltkulturerbe. Wir sind nicht ohne Grund hier, denn heute ist es so weit – der Tag, auf den wir so lange gewartet haben: Wir besteigen den Acatenango.
Der 3.976 Meter hohe Acatenango ist einer von drei Vulkanen rund um die Kolonialstadt Antigua. Direkt daneben ragt der 3.763 Meter hohe Volcán de Fuego auf – einer der aktivsten Vulkane der Welt. Beide gehören zum Pazifischen Feuerring, einer rund 40.000 Kilometer langen und geologisch besonders bewegten Zone der Erde. In Mittelamerika treffen mehrere Erdplatten aufeinander – ein Zusammenspiel, das heftige Erdbeben begünstigt und die nahezu permanente Aktivität des Fuego erklärt. Kleine und größere Eruptionen sowie Asche-Emissionen treten hier mehrmals pro Stunde auf.
Dieses spektakuläre Naturschauspiel lässt sich bei verschiedenen Touren vom Acatenango aus beobachten. Die beliebteste Option ist eine anderthalbtägige Wanderung mit Übernachtung – genau jene Tour, für die auch wir uns entschieden haben. »Die schlimmste Wanderung meines Lebens.« »Eine einzige Grenzerfahrung.« »Nie wieder.« Solche Aussagen finden wir zuhauf, wenn wir nach Erfahrungsberichten zur Besteigung des Acatenango suchen. Zwischen Faszination und Warnung, zwischen romantisiertem Abenteuer und echter Erschöpfung scheint diese Wanderung alles zu sein – nur nicht langweilig. Und wir machen sie nicht exklusiv.
© Alexander Friedl
Vulkantourismus als Wirtschaftsfaktor
Guatemala hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Hotspot für Vulkan-Tourismus entwickelt. Menschen aus aller Welt reisen häufig nur dafür in das »Land des ewigen Frühlings«, das für sein mildes und angenehmes Klima bekannt ist. Dass der Tourismus mit den Feuer speienden Bergen boomt, ist unübersehbar. Und er bringt dem Land spürbare wirtschaftliche Impulse.
Innerhalb weniger Jahre haben sich die internationalen Touristenzahlen in Guatemala nahezu verdoppelt: von rund 1,8 Millionen Besuchern im Jahr 2022 auf rund 3,4 Millionen im Jahr 2025. Der Anteil der Reise- und Tourismusbranche am Bruttoinlandsprodukt lag im selben Jahr bei geschätzt 6,1 Milliarden US-Dollar. Laut lokalen Guides und Touranbietern machen sich in der Hochsaison täglich bis zu 1.000 Menschen auf den Weg Richtung Basecamp – in Summe also deutlich fünfstellige Besucherzahlen pro Jahr. Was für uns eine unvergessliche Wanderung ist, ist für viele Menschen in den umliegenden Gemeinden längst wirtschaftliche Lebensgrundlage und ein realer Wirtschaftsfaktor. Tourguides, Köche im Basecamp, Lastenträger, Fahrer und kleine Familienbetriebe leben direkt vom Vulkan-Tourismus.
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Ein ungewöhnliches Experiment
Zurück zu uns. Wir befinden uns in einem Airbnb mitten im Herzen der historischen Altstadt von Antigua, packen unsere letzten Utensilien zusammen und schlüpfen in unsere Wanderschuhe. Und diese sind nicht irgendwelche Wanderschuhe. Ich trage für diese Wanderung Barfußschuhe. Um ehrlich zu sein: Noch wenige Wochen zuvor hätte ich es für unmöglich gehalten, mit Barfußschuhen meine wohl härteste Wanderung überhaupt zu bestreiten – geschweige denn, jemals welche zu tragen. In meinem Kopf waren Barfußschuhe weder besonders stylisch noch für anspruchsvolle Wanderungen geeignet. Eher ein Nischenprodukt, nichts, womit ich mich ernsthaft beschäftigt hätte. Wie es also dazu kam?
Wenige Wochen vor unserer Reise erreichte uns in der Redaktion ein Anruf. Eine Agentur fragte an, ob wir Lust hätten, Schuhe der Marke Vivobarefoot zu testen. Das Timing war perfekt – denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich tatsächlich noch kein geeignetes Paar für diese Wanderung. Ich entschied mich für den »Primus Trail Flow Mid« in der Farbe Peyote: ein dynamischer Barfußschuh, konzipiert für schnelles Wandern. Und nun hatte ich diese Schuhe an. Mitten in Guatemala.
Mein erster Eindruck: unfassbar leicht und äußerst bequem. Ein Schuh wiegt gerade einmal 262 Gramm – nur rund 67 Gramm mehr als mein Smartphone. Kaum zu glauben. Das Gewicht war für mich ein entscheidender Faktor. Wer für eine dreiwöchige Fernreise packt, weiß: Jedes Gramm zählt. Statt klobiger Wanderschuhe, die ich vermutlich ausschließlich für diese eine Tour getragen hätte, reisten federleichte, flexible und vielseitig einsetzbare Schuhe mit. Und ja: Die Vivobarefoots – oder kurz Vivos – sind nicht nur funktional, sondern auch optisch so stylisch und modern, dass man sie problemlos im Alltag tragen kann. Das Wichtigste aber kommt erst noch: der Tragekomfort. Doch dazu später mehr.
© Vivobarefoot
Respekt vor der Naturgewalt
Nur wenige Meter von unserem Airbnb entfernt befindet sich das Office unseres Tourenanbieters Wicho & Charlie’s. Vor dem Gebäude hat sich bereits eine Traube an Menschen versammelt – unsere Gruppe für die nächsten rund 30 Stunden. Um kurz nach 06.30 Uhr öffnet das Büro. Die Stimmung ist spürbar: Nervosität liegt in der Luft, aber auch Vorfreude. Wir sind 34 Personen aus unterschiedlichen Ländern. Während wir frühstücken, erhalten wir ein ausführliches Briefing, leihen Equipment aus und packen unsere Rucksäcke. Mittagessen und Wasser – viereinhalb Liter pro Person – werden vom Anbieter gestellt. Jeder von uns packt einen kleinen Daypack für den Aufstieg mit Snacks, Wasser und zusätzlicher Kleidung sowie einen größeren Rucksack für alles, was wir erst im Basecamp benötigen: Winterjacke, Stirnlampe, Haube, Handschuhe und weiteres Gepäck. Das Gute an unserem Anbieter: Für rund 80 Prozent des Weges wird der große Rucksack per Pick-up-Truck transportiert – nur die letzten 20 Prozent tragen wir alles selbst.
Bevor wir losstarten, unterschreiben wir noch den obligatorischen Haftungsausschluss – ein Formular, das sinngemäß bestätigt, dass wir wissen, worauf wir uns einlassen. Denn der Volcán de Fuego zählt nicht nur zu den aktivsten, sondern auch zu den gefährlichsten seiner Art. Entsprechend kontrovers wird diskutiert, wie nah sich Touristen diesem Naturphänomen nähern sollten. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Todesfällen – so auch wenige Tage vor unserer Besteigung, als ein 37-jähriger US-Tourist mit guatemaltekischen Wurzeln am Hang des Acatenango tot aufgefunden wurde. Zu den häufigsten Todesursachen zählen Erschöpfung, Unterkühlung, Stürze und Verletzungen. Besonders heikel wird das Gebiet bei wechselhaftem Wetter oder erhöhter vulkanischer Aktivität, wenn Asche und Gestein bis in Richtung Acatenango geschleudert werden. Das Ausmaß dieser Gefahren zeigte sich eindrücklich bei historischen Eruptionen – etwa im Juni 2018, als der Fuego ganze Dörfer unter glühend heißen Asche- und Gesteinslawinen begrub und mehr als 200 Menschen ums Leben kamen. Auch 2022, 2023 und zuletzt 2025 führten Aktivitätsphasen zu vorsorglichen Evakuierungen in der Region. Insgesamt sind mehr als 1,7 Millionen Menschen von den Ausbrüchen betroffen.
© Alexander Friedl
Die ersten Höhenmeter
Kurz nach 08.00 Uhr steigen wir schließlich in einen Bus, der uns ins rund eine Stunde entfernte Dorf La Soledad auf etwa 2.400 Meter Seehöhe bringt, den Ausgangspunkt jeder Acatenango-Besteigung. Dort lernen wir unsere fünf Guides kennen. Sie erklären den Ablauf und was uns in den nächsten Stunden erwartet. Ich nutze die letzte Gelegenheit für ein echtes WC und ziehe meine Schuhe fest. Ein Blick auf die Uhr: 09.50 Uhr. Dann geht es los.
Die erste Stunde ist äußerst intensiv. Es geht steil bergauf. Der Untergrund besteht zunächst aus festem, trockenem Erdweg und landwirtschaftlich genutztem Gelände – teils sehr staubig, aber gut begehbar. Die ersten Meter in meinen Vivobarefoots fühlen sich gut an: Ich habe guten Grip und kann meine Füße sauber abrollen. Da es zu Beginn der Wanderung noch sehr warm ist – rund 25 Grad – fällt mir auch die Atmungsaktivität der Schuhe positiv auf. Ich habe nicht das Gefühl, überdurchschnittlich zu schwitzen.
Ganz ohne Respekt bin ich allerdings nicht in diese Wanderung gestartet. Auch aufgrund der unterschiedlichen Meinungen, die ich im Vorfeld über Barfußschuhe gehört oder gelesen habe. Immer wieder war von einer extrem dünnen Sohle die Rede, bei der man jeden noch so kleinen Stein spürt. Manche in meinem Umfeld rieten mir sogar ausdrücklich von einer solchen Tour mit Barfußschuhen ab – vor allem, weil ich die Schuhe zuvor noch nie über mehrere Stunden getragen hatte. Ich ließ mich davon jedoch nicht abbringen. Mein Gedanke: Wird schon gut gehen.
Die Grundidee von Vivobarefoot ist simpel. Die Marke versteht sich als Gegenentwurf zu starren, engen Schuhen mit dicker Sohle, die die Verbindung zum Boden stark dämpfen. Laut Vivobarefoot seien menschliche Füße im Laufe der Zeit zunehmend eingeengt und in ihrer natürlichen Bewegung eingeschränkt worden. Der Hersteller argumentiert, dass echte Freiheit für den Fuß nicht durch immer mehr Polsterung entstehe, sondern durch direkten Bodenkontakt und verweist in diesem Zusammenhang auch auf eigene Auswertungen und Studien. Demnach werden die meisten Menschen mit gesunden Füßen geboren, entwickeln jedoch im Laufe ihres Lebens Fußprobleme – unter anderem durch einschränkendes Schuhwerk.
© Alexander Friedl
Wenn die Luft dünner wird
Zurück zum Trail. Das Terrain verändert sich langsam. Zwischen 2.600 und 3.000 Metern Seehöhe gehen wir über weichen, teils feuchten Waldboden, durchzogen von Wurzeln. Es geht fast durchgehend steil bergauf. Wir finden unser eigenes Tempo und machen als Gruppe immer wieder kurze Pausen – auch, um uns an die zunehmende Höhe zu gewöhnen. Sie sind notwendig. Mit jeder Minute brennen Oberschenkel und Waden stärker, wir kommen zunehmend außer Atem. Die Steigung ist brutal. Nicht nur für uns: Immer wieder sehen wir Teilnehmende, die nach besonders steilen Passagen stehen bleiben müssen.
Nach knapp drei Stunden gibt es die wohlverdiente Mittagspause. Wir setzen uns auf einen Stein und holen unser Essen aus dem Rucksack: Nudeln mit Bohnen und Gemüse. Kalt, aber willkommen. Es ist leicht nebelig, die Temperatur ist gesunken. Ich ziehe eine lange Sporthose an und einen Pullover darüber. Zwanzig Minuten später geht es weiter.
Ab etwa 3.000 Metern Seehöhe betreten wir die nächste Zone. Der Untergrund wird sandiger, erste Vulkanasche taucht auf. Es wird trockener, rutschiger. Die Schritte werden kürzer. Meine Vivos performen weiterhin gut. Ich spüre die leichte, wendige Sohle, ohne das Gefühl zu haben, jeden einzelnen Stein durchzudrücken.
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Grenze erreicht
Auf rund 3.400 Metern erreichen wir den Punkt, an dem wir unsere großen Rucksäcke bekommen. Die Freude darüber hält sich in Grenzen. Über vier Stunden sind wir bereits unterwegs, fast durchgehend bergauf – und jetzt kommt zusätzliches Gewicht dazu. Einige aus der Gruppe entscheiden sich für einen Lastenträger. Wir nicht. Jeder trägt nun zwei Rucksäcke: den großen am Rücken, den kleinen Daypack vorne.
Das Terrain ändert sich erneut. Loses Geröll, Schotter, schwarzes, kantiges Vulkanmaterial. Jeder Schritt kostet Kraft. Nach wenigen Metern brauchen wir eine Pause. Meine Freundin beginnt spürbar mit der Höhe zu kämpfen. Kopfschmerzen, Übelkeit. Die Luft ist extrem dünn. Ich nehme ihr den großen Rucksack ab. Der härteste Abschnitt auch für mich. Drei Rucksäcke. Große Höhe. Erschöpfung. Wir kämpfen uns Meter für Meter vor. Immer wieder Pausen. Meiner Freundin geht es zunehmend schlechter. Ich versuche, sie zu motivieren. Noch ein paar Minuten, dann sind wir im Basecamp. Was hilft: Die letzten 20 Prozent sind weniger steil. Alles andere wäre kaum zu schaffen.
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Ankommen über den Wolken
Nach über fünf Stunden Fußmarsch und 1.200 Höhenmetern erreichen wir um kurz nach 15.00 Uhr das Basecamp auf knapp 3.600 Meter Seehöhe – endlich. Wir legen unsere Rucksäcke ab und blicken zum ersten Mal Richtung Fuego. Er thront direkt vor uns, nur wenige hundert Meter entfernt. Das Wetter meint es gut mit uns: Wolken umhüllen den Vulkan, und die Sonne glitzert auf dem schwarzen Gestein.
Normalerweise wäre jetzt der Moment, in dem man sich wünscht, endlich die Schuhe auszuziehen. Doch bei den Vivobarefoots fühlt es sich kein bisschen so an. Es ist, als hätte ich sie eben erst angezogen: Kein Druck, keine Reibung, kein beengtes Gefühl. Vermutlich liegt es an der großzügigen Zehenfreiheit.
Wir setzen uns, ziehen unsere Snacks aus dem Rucksack – und dann passiert es. Der Fuego bricht aus. Erst hören wir ein dumpfes Donnern, dann steigt eine dicke Rauch- und Aschewolke auf. Ein Raunen geht durch unsere Gruppe. Wir lehnen uns zurück und genießen die ersten Minuten am Acatenango.
Kurze Zeit später beziehen wir unsere Unterkunft für die Nacht. Wir haben das Premium-Paket gebucht: eine private Holzkabine für zwei Personen, ausgestattet mit Matratzen, dicken Schlafsäcken und Decken. Luxus bietet sie keinen – aber für eine Nacht auf knapp 3.600 Metern ist sie mehr als ausreichend. Spektakulär ist vor allem die Aussicht. In der Kabine gibt es ein kleines Fenster, das den Blick direkt freigibt auf den Fuego. Wir fühlen uns in den geschätzten vier Quadratmetern sofort wohl. Auch meine Vivos finden hier ihren Platz.
Als besonders praktisch empfinde ich die Schnürung der Schuhe. Nichts nervt mich mehr – egal ob beim Wandern oder im Alltag – als umständliche Schnürsysteme, bei denen das An- und Ausziehen unnötig Zeit kostet. Beim Primus Trail Flow Mid ist das anders. Die elastische Schnellschnürung, das sogenannte »Speed Lacing System«, erlaubt es mir, mit einem Handgriff aus den Schuhen zu steigen – fast so, als würde ich einen Socken ausziehen. Gleiches gilt beim Wiederanziehen. Einen kleinen Nachteil gibt es allerdings: Am Ende des Systems sitzt ein Haken, der die Schnüre fixieren soll, damit nichts umherbaumelt. In der Praxis ist dieser Haken jedoch immer wieder herausgerutscht und die Schnüre baumelten dann doch gelegentlich herum. Das war mitunter etwas störend.
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Die Nacht des Fuegos
Kurz vor Sonnenuntergang informiert uns einer der Guides, dass im Basecamp heiße Schokolade ausgeschenkt wird. Die Vivos werden wieder angezogen. Mittlerweile ist es empfindlich kalt geworden, die Temperatur nahe am Gefrierpunkt. Während ich am Nachmittag noch im leichten langärmeligen Shirt unterwegs war, bin ich nun von Kopf bis Fuß eingepackt. Sechs Schichten am Oberkörper, dicke Socken und mehrere Lagen auch an den Beinen. An den Füßen ist mir nicht kalt. Dazu muss man sagen: Ich zähle nicht zu den Menschen, denen schnell Hände und Füße kalt werden – vielleicht auch ein Grund, warum ich selbst im Winter lieber Sneakers als schwere Winterschuhe trage. Um die vorbereitete Feuerstelle sitzend, mit heißer Schokolade in der Hand, gegrillten Marshmallows und Blick auf den Fuego, klingt der Abend langsam aus.
Während wir am Tag lediglich große Aschewolken gesehen haben, nimmt die Kraft der Eruption je näher es Richtung Nacht geht deutlich zu. Wir sehen das erste Mal Lava. Und nicht nur einmal, sondern bei jeder Eruption. Es ist wirklich spektakulär, wie sie jedes Mal aufs Neue aus dem Vulkan herausschießt und eine Feuerfontäne bildet, bis diese abflaut und das Lava den Berg herunterrinnt. Wir können uns fast einen Timer stellen, alle 15 bis 20 Minuten bricht er aus, direkt vor uns. Auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt bereits dutzende Eruptionen des Fuego gesehen haben, es wird nicht langweilig, besser als jede Netflixserie.
Gegen 19.30 Uhr gibt es Abendessen: Reis und Bohnen. Dazu ein paar Chips. Was auffällt: Beinahe die gesamte Gruppe hat kaum Appetit. Ich hingegen freue mich bereits auf das warme Essen. Bei vielen unserer Kollegen bleibt der Teller aber unberührt. Das ist auch kein Wunder, denn Appetitlosigkeit zählt zu den häufigsten Symptomen, die in dieser Höhenlage auftreten. In großer Höhe bekommt der Körper weniger Sauerstoff. Um damit umzugehen, priorisiert er grundlegende Funktionen. Die Verdauung wird dabei heruntergefahren. Das führt häufig zu fehlendem Hungergefühl, schneller Sättigung und Abneigung gegen Essen, selbst wenn man weiß, dass man Energie bräuchte.
Wir lassen uns davon aber nicht beirren und begeben uns nach dem gemeinsamen Essen in unsere Kabine. Wir sind bereits sehr müde von der anstrengenden Wanderung und machen uns zum Schlafengehen bereit. In unserem Basecamp auf knapp 3.600 Meter gibt es keine Sanitäranlagen, lediglich ein Plumpsklo. Auf Hygiene wird also an diesem Abend weitestgehend verzichtet. Zähne geputzt wird unmittelbar vor unserer Kabine mit unserem heraufgetragenen Wasser. Danach machen wir es uns in unserer kleinen Unterkunft gemütlich. Tief eingepackt im Schlafsack beobachten wir aus dem Fenster gespannt den Fuego, der immer und immer wieder ausbricht. Bis uns schließlich die Augen zufallen.
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Der Preis der Höhe
Um 03.00 Uhr in der Nacht läutet mein Wecker, denn um Punkt 04.00 Uhr startet die Sonnenaufgangswanderung. Ich fühle mich alles andere als gut. Starke Kopfschmerzen, ein trockener Mund, dazu Übelkeit. Es ist, als würde mein Kopf platzen. In diesem Moment wird mir klar, wie extrem diese Höhe ist. Gestern ging es mir noch gut – jetzt fühlt es sich an, als hätte mein Körper über Nacht die Rechnung präsentiert. Klar ist: Ich werde die Wanderung zum Gipfel des Acatenango nicht mitmachen können.
Grundsätzlich ist mit dem Thema nicht zu spaßen: Die Symptome können als Vorstufe der »Akuten Höhenkrankheit« – auf Englisch »Acute Mountain Sickness« (AMS) – verstanden werden, die im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Frauen sind häufiger betroffen, ebenso Menschen unter 46 Jahren sowie jene, die an Migräne leiden. Erst Anfang 2024 ist ein Arbeitskollege eines Freundes bei der Besteigung des Kilimandscharo in Tansania im Alter von nur 27 Jahren daran verstorben. Der Innviertler war jung, durchtrainiert und ein erfahrener Bergsteiger. Ein Beispiel, das zeigt, dass körperliche Fitness kein Faktor für die Höhenkrankheit darstellt.
Den Sonnenaufgang erlebe ich nach Einnahme einer Schmerztablette vom Basecamp aus. Und er ist nicht minder spektakulär, bevor es um 06.30 Uhr Frühstück gibt: ein Stück Bananenbrot, einen Wrap mit Bohnen und eine Tasse Kaffee. Danach packen wir unsere Sachen. Um 07.30 Uhr geht es los – ein letzter Blick zurück, dann beginnt der Abstieg.
© Wicho & Charlie’s
Zurück ins Tal
Während der Aufstieg brutal war, fühlt sich der Weg nach unten fast erleichternd an. Auch hier machen meine Vivos einen guten Eindruck: Das Profil greift selbst auf dem losen Untergrund aus Asche und Geröll, und ich habe festen Halt. Immer wieder kommen uns erschöpfte Wanderer entgegen, während guatemaltekische Lastenträger Rucksäcke, Nahrung, sogar ganze Matratzen den Berg hinauftragen. Die Pausen werden kürzer, der Wunsch, wieder unten anzukommen, ist spürbar.
Nach weniger als drei Stunden erreichen wir La Soledad – den Ort, an dem alles begann. Einer unserer Guides wartet bereits mit strahlendem Gesicht auf uns und gibt uns ein High-Five. We did it! Und das mit Barfußschuhen. Als ich noch einmal zurückblicke, wird mir klar: Diese 24 Stunden in Guatemala werden mir wohl für immer im Gedächtnis bleiben. 
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