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Foto: Najib Zouein/Red Bull Content Pool | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 35. Ausgabe des Sport Business Magazin (02-2022) erschienen.

GASTBEITRAG Der gesamte Fußballsport ist geprägt von ungleichen Duellen – von Duellen David gegen Goliath. Gewinnt der Underdog, wird er von Presse und Fans frenetisch gefeiert, während der Favorit verhöhnt und verspottet wird. Wie erfolgreiche Mannschaften mit ihrer Favoritenrolle umgehen, dieser gerecht werden und welche psychologischen Maßnahmen und Tricks dafür hilfreich sind, verrät uns Mentalcoach Wolfgang Seidl.

Die Qualität des sportlichen Wettbewerbs im europäischen Fußball hat in den vergangenen Jahren in beinahe allen Ligen abgenommen. Der Hauptgrund liegt in der ungleichen Verteilung finanzieller Ressourcen. Vereine wie der FC Red Bull Salzburg, der FC Bayern München oder Paris Saint-Germain setzen sich von kleineren, nicht so finanzstarken Klubs teils deutlich ab. Dennoch bleibt eine gewisse Unberechenbarkeit, dass auch Spitzenklubs immer wieder stolpern und wichtige Punkte gegen vermeintliche Underdogs liegen lassen – so wie der FC Bayern beispielsweise in der heurigen Meisterschaft gegen Augsburg, Bochum und Mainz. »Die Unberechenbarkeit ist die Essenz des Fußballs«, meint Italiens Cheftrainer Roberto Mancini.

Jeder von uns kennt die Situation, wenn der Tabellenführer gegen ein Team aus der Abstiegszone antritt oder sich im Cup gegen einen unterklassigen Gegner beweisen muss. Die große Gefahr ist, dass die Spitzenmannschaft überheblich ins Spiel geht und nachlässig wird – der notwendige Aktivierungsgrad und richtige Fokus fehlt. Die Überheblichkeit entsteht meist im Unbewussten. Spieler wissen, gegen die großen Gegner müssen sie mehr investieren, gegen die Kleinen fehlt hingegen oft die letzte Konsequenz, das richtige Zweikampfverhalten oder der entscheidende Sprint. Es muss nicht viel fehlen, aber es reicht, um diese Partien zu verlieren.

Sicher haben Sie bereits öfters erlebt, wenn der Außenseiter in Führung geht und die Spieler der favorisierten Mannschaft plötzlich zu viele Dinge hinterfragen, verkrampfen und ihre Souveränität verlieren. Wie sich so etwas vermeiden lässt und welche Maßnahmen erfahrene Trainer und Teams aus der Psychologie einsetzen, möchte ich nachfolgend in sieben Punkten präsentieren.

VORBILD »Trainer sind Vorbild für eine Mannschaft und deren Einstellung findet sich in der Mannschaft wieder« | © Najib Zouein / Red Bull Content Pool

1.

Trainer sind Vorbild für eine Mannschaft und deren Einstellung findet sich in der Mannschaft wieder. Wenn Trainer sich vor Partien gegen schwächere Gegner zu sicher sind, hat es Einfluss auf die Spieler. Das Team wird von einer kollektiven Stimmung erfasst und denkt sowie fühlt ähnlich. Das heißt, erfahrene Trainer arbeiten zuerst an ihrer Haltung zur Favoritenrolle, bevor sie ihre Gedanken an die Sportler vermitteln.

2.

Meist reicht es nicht aus, dass Trainer in Mannschaftsbesprechungen vor Überheblichkeit gegen den kommenden Gegner warnen. Schon der erfahrene Sportpsychologe Sigurd Baumann plädierte darauf, dass Einzelgespräche ein bedeutendes Werkzeug sind, um einen Überheblichkeitseffekt zu verhindern. Kompetente Trainer kommunizieren mit Führungsspielern oder versammeln den Mannschaftsrat, um dieses wichtige Thema offen und ehrlich anzusprechen. Das führt dazu, dass die Spieler mit in die Verantwortung genommen werden.

FÜHRUNGSSPIELER »Mental starke Spieler sind in der Lage, mittels spezieller Übungen ihr Erregungsniveau vor Spielbeginn bewusst zu erhöhen« | © pixabay

3.

Mental starke Spieler sind in der Lage, mittels spezieller Übungen ihr Erregungsniveau vor Spielbeginn bewusst zu erhöhen. Bereits vor langer Zeit wurde der Zusammenhang zwischen Aktivation und Leistung wissenschaftlich überprüft. Auf Basis ihrer Forschungsergebnisse zeigten Robert Yerkes und John Dillingham Dodson, dass sich dieser Zusammenhang mit Hilfe einer umgekehrten U-Funktion darstellen lässt. Das Yerkes-Dodson-Gesetz besagt, dass es für die Bewältigung jeder Anforderung ein optimales Erregungsniveau gibt.

4.

Wenn ein Favorit gegen einen viel schwächeren Gegner antritt, formulieren erfolgreiche Trainer für ihr Team konkrete Handlungsziele und stellen diese in den Mittelpunkt. Das fördert die Konzentration und es wird verhindert, dass die Mannschaft mit halber Kraft ins Spiel geht.

5.

Paradoxe Interventionen – zielgerecht und sparsam eingesetzt – sind ein hilfreiches Mittel, um Spieler zum Nachdenken anzuregen. So kann der Trainer die Spieler fragen, was jeder von ihnen dazu beitragen kann, dass das Match gegen den punktlosen Tabellenletzten so richtig in die Hose geht und man verliert. Durch diese unkonventionelle Art wird den Spielern bewusst gemacht, worauf es beim nächsten Match ankommt.

MATCHPLÄNE »Erfolgreiche Teams legen sich Strategien und Handlungspläne zurecht, um auf verschiedene Szenarien vorbereitet zu sein« | © pixabay

6.

Ein Favoriteneffekt kann auch dadurch verhindert werden, indem der Trainer die Spieler mithilfe eines Fragebogens auffordert, sich über das kommende Match Gedanken zu machen. Dazu zählen Fragen wie: »Wo siehst du die größten Gefahren gegen den kommenden Gegner?« oder »Was kannst du dazu beitragen, um mit der gleichen Einstellung wie in der Europa League, ins Spiel zu gehen?«. Es ist wirksamer, wenn Spieler aus eigener Einsicht zur Erkenntnis kommen, als wenn die Inhalte nur vom Trainer vorgetragen werden.

7.

Erfolgreiche Teams legen sich Strategien und Handlungspläne zurecht, um auf verschiedene Szenarien vorbereitet zu sein. Wenn Spieler im Vorfeld wissen, wie sie mit einem Rückstand gegen einen schwächeren Gegner umgehen sollen, bleiben sie kontrolliert und handlungsfähig. Ein Handlungsplan könnte zum Beispiel so aussehen, dass vorher bestimmte Angriffszüge vereinbart werden, die bei einem Rückstand bevorzugt einzusetzen sind. Ähnlich wie ein Pilot, der im Simulator die verschiedenen Notfälle trainiert, um im Flugverkehr vorbereitet zu sein und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Diese Maßnahmen gelten nicht nur für Teams in der Bundesliga, sondern haben in jeder Leistungsklasse Gültigkeit. Schlussendlich sind die Trainer und Spieler gefordert, ein gewisses Maß an Achtsamkeit und Bewusstheit an den Tag zu legen, um mit kreativen Maßnahmen die Favoritenrolle zu meistern. #

Wolfgang Seidl

Wolfgang Seidl

Mentalcoach

In seiner Arbeit als Mentalcoach betreut Wolfgang Seidl neben Unternehmen und Führungskräften vor allem Sportler im Einzelcoaching. Dazu zählen zum Beispiel der mehrfache IRONMAN-Sieger Michael Weiss, die Boxweltmeisterin Eva Voraberger sowie Fußballer aus der Bundesliga. Zusätzlich berät er auch Mannschaften in Form von Workshops und Coachings.

www.mana4you.at

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