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Foto: Harald Wisthaler | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 27. Ausgabe des Sport Business Magazin (02-2020) erschienen.

WIRTSCHAFT Der Sommertourismus muss sich neu erfinden. Länder wie Italien oder Kroatien aber auch Österreich, können es sich nicht leisten, den Sommer 2020 an sich vorbeilaufen zu lassen. Neben der Kulturbranche hat auch der Sporttourismus einen wesentlichen volkswirtschaftlichen Faktor, im Besonderen für die Urlaubsregion Kärnten. Coronataugliches Eventmanagement steht damit im zentralen Fokus der Geschäftsführer der Bundesländerwerbeagenturen. Wir haben mit Wiens Tourismusdirektor Norbert Kettner und Christian Kresse, Geschäftsführer von Kärnten Werbung, gesprochen.

Noch 2018 schrieb der Kurier »Österreich ist die Nummer 1, wenn es um die Bedeutung von Sport für die Volkswirtschaft geht.« Auch aus Sicht von Christian Helmenstein, Geschäftsführer der SportsEconAustria, sind die Österreicher in Sachen Sport Europameister. In keinem anderen Land der Europäischen Union hat Sport eine so große Bedeutung. Doch mit der Coronakrise hat sich alles geändert.

Aufgrund der strengen Maßnahmen werden in Österreich bis auf weiteres keine Groß-Sportereignisse mit Zuschauern stattfinden. So wurde für Sommer 2020 zum Beispiel der Vienna City Marathon, die Österreichische Radrundfahrt und viele weitere kleine und große Sportevents gestrichen. Die Regierung hat alle Sportveranstaltungen bis 30. Juni 2020 abgesagt, Kulturveranstaltungen überdies bis 31. August. Einzelne Bundesländer wie Wien und Kärnten untersagen obendrein die Abhaltung einzelner Sportevents bis ebenfalls 31. August 2020.

»Veranstaltungen aus den verschiedenen Bereichen sind essenziell, um den Tourismus in der Stadt wieder zu reaktivieren. Was Veranstalter jetzt in erster Linie brauchen, ist Rechtssicherheit und damit Planbarkeit.«

Norbert Kettner | Geschäftsführer Wien Tourismus

Die Coronakrise wirft den Wiener Städtetourismus um mehr als zehn Jahre zurück

Die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus trifft die Tourismusbranche in Wien hart. Dass große Veranstaltungen bis zumindest Ende August verboten und die Grenzen derzeit teilweise noch geschlossen sind, hat massive Auswirkungen auf den Tourismus in der Stadt. Die Coronakrise wirft den Städtetourismus um mehr als zehn Jahre zurück, viele Betriebe kämpfen ums Überleben. Normalerweise erholt sich der Städtetourismus schneller als andere Bereiche von Krisen. Dieses Mal ist die Ausgangslage allerdings eine andere, da sowohl Nachfrage als auch Angebot eingebrochen sind.

Aus Wiener Sicht sind jene Wettkämpfe und Events am relevantesten, die sich an ein internationales Publikum richten. Also Wien medienwirksam als Lifestylemetropole mit Lebensqualität präsentieren und Bilder der Stadt zeigen, welche dem Zuseher Lust auf einen Besuch der Stadt machen.

Wien musste mit der Absage des Vienna City Marathons bereits einen hohen Preis zahlen. 2019 wurden noch durch den Wien Marathon 94.000 Besucher, 127.000 Nächtigungen und damit 25 Millionen Euro an touristischen Ausgaben generiert. Die Stadt eidet an diesem Ausfall, da neben dem Sport sich auch die Kulturszene im Ausnahmezustand befindet, welche einen noch höheren Stellenwert für den Stadttourismus einnimmt.

REKORDJAHR 2019 IN WIEN 17,6 Millionen Nächtigungen, 83 Prozent davon aus dem Ausland. | © VCM/Shiyin Gü

Hier wäre laut Kettner die Regierung gefragt, konkrete Maßnahmen zu präsentieren: »Eine entsprechende rechtsverbindliche Verordnung fehlt, wäre aber immens wichtig für die Veranstalter, um die kommenden Monate einschätzen und planen zu können. Dabei geht es nicht nur um einzelne Events, sondern auch um zahlreiche vorlagerte Bereiche – von Catering bis Reinigung, von Lieferdiensten bis zu Bauunternehmen – und damit um zahlreiche Arbeitsplätze.«

Der Städtetourismus in Wien lebt damit von Anlässen. Nach Wien kommen die Gäste, weil sie das kulturelle Angebot der Stadt erleben, an einer Tagung oder einer Sportveranstaltung teilnehmen möchten. Insgesamt verbuchte Wien im Rekordjahr 2019 17,6 Millionen Nächtigungen, 83 Prozent davon stammten aus dem Ausland.

Kärnten rüstet sich für coronataugliche Großveranstaltungen

Auch Kärntens Sportlandschaft steht still. Von Eishockey über Fußball, Volleyball bis hin zur Lavanttal Rallye wurden Ligen beendet, stillgelegt oder Bewerbe abgesagt. Darüber hinaus fällt nun auch der diesjährige Wörthersee Triathlon der Coronakrise zum Opfer. Das ursprüngliche Datum mit 31. Mai kann von den Veranstaltern nicht eingehalten werden, neuer Termin ist vom 21. bis 23. Mai 2021.

Auch Veranstaltungen, wie die United World Games, wurden bereits auf 2021 verschoben. Ebenso der Großglockner Berglauf und einige Radveranstaltungen. Hinsichtlich des Ironman Austria Kärnten hofft man noch, dass dieser am 20. September 2020 stattfinden könnte. Auch um einige Fußballtrainingslager für Ende des Sommers wird noch gekämpft. »Kärnten läuft« soll am 21. bis 23. August 2020 in etwas abgeänderter Form abgehalten werden.

»So epidemiologisch sinnvoll, ist es für den Städtetourismus und die Veranstalter sehr wichtig, dass die Grenzen in Europa schrittweise wieder geöffnet wurden. Denn einerseits kommt ein Großteil der Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland, andererseits stammen auch zahlreiche hier tätige Sportlerinnen und Sportler, Künstlerinnen und Künstler oder Studierende aus einem anderen Land.«

Norbert Kettner | Geschäftsführer Wien Tourismus

Ein Kampf, der für Kärnten gewonnen werden muss. Denn Kärnten wirbt im Sommer vor allem mit Aktivurlauben wie Schwimmen, Wandern, Golfen und Radfahren. Sporttourismus nimmt im Tourismus-Portfolio eine wesentlich größere Bedeutung als beispielsweise in Wien ein.

Ab 29. Mai durften Hotels, Pensionen und Ferienappartements nach wochenlanger, Coronavirus bedingter Sperre, offiziell wieder den Betrieb aufnehmen. Für die Tourismus abhängige Region Kärnten ein erster Meilenstein. Doch um Touristen wieder nach Kärnten zu locken, müssen Sportveranstaltungen wieder möglich sein und die Grenzen offen bleiben. Nur mit österreichischen Touristen bleiben die meisten Betten der Hotellerie unterbelegt. Es wird sich zeigen, ob die deutschen Gäste in gewohnter Anzahl zurückkommen werden. Die chinesischen und amerikanischen Gäste werden noch länger auf sich warten lassen.

Die Touristiker haben allen Unwägbarkeiten zum Trotz bereits mit den Vorbereitungen für den Sommer begonnen. Wie genau ein coronataugliches Großveranstaltungskonzept ab September 2020 aussehen wird, steht in vielen Bereichen jedoch noch nicht fest.

Der Tourismusdirektor merkt aber an, dass es konkrete Lösungen geben muss: »Auf jeden Fall braucht es für die Herbstveranstaltungen Planungssicherheit beziehungsweise bei etwaigen kurzfristigen Absagen aufgrund einer möglichen Wiederverschärfung der Maßnahmen, entsprechende Haftungsübernahmen.«

PLANUNG WÄHREND EINER PANDEMIE Kärntens Sportlandschaft steht (noch) still: »Kärnten läuft« findet statt und um Fußballtrainingslager für Ende des Sommers wird gekämpft. | © Mag. Gert Steinthaler

Es braucht weitere Impulse, um den Sporttourismus anzukurbeln

Haftungsübernahmen des Bundes oder Landes werden wesentlich sein, da kein Unternehmer derzeit das Risiko übernehmen wird, eine Sport-Großveranstaltung zu planen, mit einer zweiten möglichen Infektionswelle im Rücken. Christian Helmenstein stuft über das gesamte letzte Jahr hinweg 58 Prozent der Gästenächtigungen als »sportrelevant« ein. Das sind in absoluten Zahlen 63 Millionen. »Damit ist der Sporttourismus in Österreich so stark wie der gesamte Tourismus in Kroatien oder Polen«, erläuterte Helmenstein noch im Vorjahr.

Folgt man den Ergebnissen der SportsEconAustria-Studie zur ökonomischen Bedeutung des Sports in Österreich, dann zeigt sich, dass der Sport unmittelbar und mittelbar für 5,75 Prozent der Wertschöpfung verantwortlich ist. Damit liegt der Wertschöpfungsbeitrag des Sports höher als jener der Bauwirtschaft.

I n Anbetracht dieser Zahlen, werden weitere Absagen nicht ohne Folgen bleiben. Neben den Tourismusunternehmen werden aber auch gerade die Gemeinden mit den fehlenden Ortstaxen auf Gästenächtigungen mit sinkenden Einnahmen zu kämpfen haben. Diese werden neben dem Bund und der Länder wiederum als Finanzierer von Sportveranstaltungen auftreten müssen. Es wird äußerst schwierig werden, den Teufelskreislauf zu durchbrechen. #

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