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Foto: BO Bader | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 35. Ausgabe des Sport Business Magazin (02-2022) erschienen.

EXKLUSIV-GESPRÄCH Karrierestart mit fünf, Nummer eins in Österreich mit 15 und U21-Weltmeister mit 20: Florian »Flo« Nüßle ist Österreichs Aushängeschild im internationalen Snookersport und ein echter Shootingstar. Das Supertalent über das harte Leben als Amateursportler, mentale Stärke und den verbissenen Kindheitstraum vom Profispieler.

Florian Nüßle, geboren in Graz, ist einzigartig, in dem was er macht, manche Medien titulieren ihn gar als »Wunderkind«. Seine Titelsammlung im Snooker mit gerade einmal 20 Jahren ist beachtlich: dreifacher U16-Meister, dreifacher U21-Meister, fünffacher Österreichischer Staatsmeister und U21-Amateurweltmeister. Nüßle hat ein außerordentliches Talent und Gespür für sportliche Aktivitäten mit »Ball«, das wird auch bei unserem knapp eineinhalbstündigen Gespräch im Redaktionsbüro in Salzburg klar.

Neben Snooker spielte er Fußball in der Jugend von Sturm Graz und Golf in der nationalen Auswahl. Besonders eindrucksvoll sichtbar wird sein Talent aber am Snookertisch. Der in Salzburg lebende Steirer über die größten Erfolge seiner noch jungen Karriere, Herausforderungen in der Eigenvermarktung, externe Hilfen und eine mögliche Profikarriere im »Reich der Mitte«.

U21-WELTMEISTER Nüßle holte am 5. März 2022 in Doha, Katar nach einer Spielzeit von knapp sechs Stunden den ersten internationalen Snookertitel für Österreich. | © BO Bader

Herr Nüßle, die Liebe für den grünen Tisch haben Sie bereits sehr früh für sich entdeckt. Wie sind Sie zum Snookersport gekommen?

Durch meinen Vater. Der Snookersport hat mich von Beginn an fasziniert. Laut Erzählungen meiner Eltern habe ich im Alter von drei Jahren mit einem Trommelstock bereits Snooker-ähnliche Bewegungen gemacht, daran kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern. Mit fünf Jahren habe ich begonnen, am Tisch zu spielen. Richtig dazu gestoßen bin ich mit zwölf Jahren.

Was sind die Unterschiede zu Billard?

Die Dimensionen und Regeln sind andere: Der Tisch ist größer, die Kugeln kleiner, das Spiel anspruchsvoller. Für Anfänger ist Billard leichter.

Wie sieht das Training eines Snookerspielers aus?

Dadurch, dass Snooker körperlich nicht so anstrengend ist wie andere Sportarten, kann man länger trainieren. Sechs bis acht Stunden reine Trainingszeit am Tag sind Pflicht.

Bis heute ordnen Sie dem Traum, Snookerprofi zu werden, alles unter. Vermissen Sie etwas?

Es ist immer eine Frage von Prioritäten. Als 15-Jähriger war das anders als jetzt. Damals besuchte ich noch die Schule, lernte Freunde mit anderen Freizeitaktivitäten kennen. Das Umfeld bestimmt in dieser Zeit sehr viel mit. Jetzt vermisse ich diese Dinge nicht mehr – auch das Fortgehen nicht. Die Liebe und Leidenschaft zum Snooker waren immer größer, deswegen hatte ich nie ein Problem damit.

Einen Kompromiss, den ich eingehen musste und der mir nicht immer leicht fiel, war die physische Trennung von meiner Familie im Rahmen meiner Auslandsreisen.

Von wie vielen Tagen sprechen wir hier?

Aktuell sind es drei bis vier Monate im Jahr, in denen ich im Ausland bin. Das ändert sich aber von Jahr zu Jahr. Wenn ich Profi werden würde, müsste ich wohl nach England ziehen.

Wie ist die Snooker-Szene in Bezug auf Vereine und Verbände organisiert?

In Österreich gibt es in jedem Bundesland zumindest einen Snookerverein. Ich komme aus Graz und bin auch zu Beginn beim Top-Snooker-Graz Verein unterkommen. Mitglied war ich dort bis 2015, bis ich schlussendlich nach Salzburg gezogen bin. Seitdem spiele ich für den Salzburger Snookerverein.

Grundsätzlich ist der Profisport sehr gut organisiert – auch dank Barry Hearn. Der Brite schaffte es, den Sport finanziell rentabler zu machen und ihn zu globalisieren.

Welches Equipment benötigt man und wie viel kostet eine Grundausstattung?

Ein Profitisch kostet 15.000 bis 20.000 Euro. Das dazugehörige Equipment erwirbt man einmalig: circa 1.000 Euro pro Queue.

Sie haben am 16. Jänner 2022 mit 20 Jahren bereits zum fünften Mal den Staatsmeistertitel in Österreich geholt und damit den Rekord des Wieners Hans Nirnberger eingestellt. Wie wichtig war dieser Meilenstein für Sie?

Der Titel hat einen hohen Stellenwert für mich. In Österreich der Beste seiner Sportart zu sein, ist etwas ganz Besonderes. Meine Ziele sind nun aber auf den internationalen Erfolg gerichtet.

»Das allgemeine Interesse für diesen Sport ist sehr gering. Nicht ohne Grund suchte ich die letzten Jahre vergeblich nach einem Unterstützer.«

Der Engländer Ronnie O’Sullivan hat in seiner Karriere 14,5 Millionen Euro an Preisgeld eingenommen. Wie viel Preisgeld haben Sie bislang verdient?

In den letzten drei Jahren habe ich in etwa 20.000 Euro eingenommen. Meine Ausgaben für Reisen und dergleichen betragen allerdings bis zu 40.000 Euro im Jahr. Auf nationaler Ebene kann man lediglich in England oder China vom Snookersport leben. Der Weltmeisterschaftstitel auf Amateurebene brachte mir beispielsweise 2.400 US-Dollar ein, der dritte Platz 2017 »nur« 1.000 US-Dollar. Im Vergleich: Die Profis bekommen 100.000 Euro für den dritten Platz bei einer WM.

Snooker ist innerhalb der DACH-Region eine Randsportart. Wie sehr sind Sie auf externe Hilfe angewiesen?

Ohne die Unterstützung meiner Familie geht es nicht. Es kommt zwar immer mehr vom österreichischen Snookerverband, das kann man aber als Geben und Nehmen bezeichnen.

Haben Sie Sponsoren?

Ich habe in der Vergangenheit bei zahlreichen großen Unternehmen – wie zum Beispiel Red Bull – bezüglich Sponsorings angefragt. Das allgemeine Interesse für diesen Sport ist aber sehr gering. Nicht ohne Grund suchte ich die letzten Jahre vergeblich nach einem Unterstützer. Selbst in England ist es ohne fixe TV-Zeiten äußerst schwierig, einen Sponsor im Amateurbereich zu finden.

Im Zuge des WM-Titels konnte ich nun aber eine Privatperson als Sponsor gewinnen. Die Salzburger Unternehmerin Gertraud Ruckser unterstützt mich ab sofort finanziell mit ihrer LoriVita Residenz in Saalbach Hinterglemm in meiner sportlichen Entwicklung.

MENTALE STÄRKE »Mentale Stärke ist alles. Jeder kann das Spiel perfektionieren, aber schlussendlich geht es darum, am Tag X seine Leistung abzurufen.« | © BO Bader

Bekommen Sie Unterstützung von der Österreichischen Sporthilfe?

Ja, die unterstützen mich mit circa 400 Euro im Jahr

Snooker wird von 120 Millionen Menschen weltweit aktiv gespielt und von 500 Millionen Zuschauern verfolgt. Merkt man die Popularität auch in Österreich?

Ich kann nicht beurteilen, wie die Popularität vor zehn Jahren war – da war ich noch zu jung, aber das Interesse ist gestiegen. Es gibt allerdings einen hohen Prozentanteil in der Bevölkerung, der nicht weiß, was Snooker ist. Das wird sich aber auch nicht ändern, dafür ist der Sport hier zu unpopulär.

Welche Rolle spielt Social Media in Ihrem Leben auch im Hinblick auf die Vermarktung Ihrer Person?

Ich bin auf fast allen Plattformen aktiv, aber (noch) nicht populär. Das wird erst boomen, wenn ich einen großen Erfolg habe. Auf den Kanälen vermarkte ich meinen Alltag als Sportler und sehe es auch als meine Verantwortung, den Sport in Österreich für eine breitere Zielgruppe zugänglicher zu machen.

Das große Ziel eines Snookerspielers ist eine Profikarriere in Großbritannien. Aktuell erlebt der Sport in China einen regelrechten Boom. Ist das »Reich der Mitte« auch eine Option?

Ich war bislang dreimal im Rahmen von Turnieren in China, aber das ist schon etwas anderes: die Menschen und auch die Kultur. Am Ende ist es sicher nur Gewöhnungssache. Ich habe mir von Profispielern erzählen lassen, dass sich der Markt in den nächsten Jahren dorthin entwickeln wird, da dieser der größte mit dem meisten Geld ist.

»Ich möchte den Sprung zu den Profis schaffen und mir damit einen Traum verwirklichen. Die Erfolge auf Amateurebene sind schön und gut, aber davon kann ich mir nichts kaufen. Ich muss mein Leben selbst finanzieren können.«

Sie haben bei der U21-Amateurweltmeisterschaft in Doha, Katar nach einer Spielzeit von knapp sechs Stunden den ersten internationalen Titel für Österreich geholt. Welchen Stellenwert hat dieser Erfolg für Sie?

Definitiv mein größter Erfolg.

Wie wichtig ist in einem so taktischen Sport die mentale Stärke?

Mentale Stärke ist alles. Jeder kann das Spiel perfektionieren, aber schlussendlich geht es darum, am Tag X seine Leistung abzurufen. Snooker ist ziemlich grausam, da man nur zuschauen kann, wenn der Gegenspieler am Zug ist. Auf diese Situation muss man sich mental vorbereiten.

Haben Sie bereits mit Mentaltrainern zusammengearbeitet?

Von denen hatte ich bereits vier an der Zahl. Mentaltrainer können sehr gut sein, aber wenn sie sich im Snooker nicht auskennen, bringt einen das nicht weiter.

Seit einem Jahr arbeite ich intensiv mit dem Neurowissenschaftler Christopher Henry zusammen, der in der Szene der Beste ist. Das ist eine Erfahrung, die mir kein Mentaltrainer dieser Welt bieten kann.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Ich möchte den Sprung zu den Profis schaffen und mir damit einen Traum verwirklichen. Es geht auch um meine Existenz. Die Erfolge auf Amateurebene sind schön und gut, aber davon kann ich mir nichts kaufen. Ich muss mein Leben selbst finanzieren können.

Mein langfristiges Ziel ist es, Weltmeister und die Nummer eins der Welt zu werden. Ob das möglich ist, weiß ich nicht, aber ich werde alles dafür geben.

Herr Nüßle, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. #

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