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Foto: Fifteen Seconds | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 35. Ausgabe des Sport Business Magazin (02-2022) erschienen.

EXKLUSIV-GESPRÄCH Selbstbewusst, ausdrucksstark und polarisierend: Viktoria Sophie Schnaderbeck, 31, ist das Aushängeschild einer goldenen Generation des Frauenfußballs – und sich dieser Verantwortung auch bewusst. Österreichs Teamkapitänin über strukturelle Probleme, fehlende finanzielle Wertschätzung und unerlässliche Eigenvermarktung.

Im Alter von sieben Jahren beginnt Viktoria »Viki« Schnaderbeck in Kirchberg an der Raab, beim ortsansässigen TSV Kirchberg Raab das Fußballspielen. Bereits im Alter von 16 Jahren wechselt sie vom GAK zum großen FC Bayern und feiert dort mit zwei Meistertiteln, einem Pokalsieg und einem Bundesligacupsieg ihre größten Erfolge. 2018 wagt Österreichs bekannteste Fußballerin den Sprung auf die Insel: zum FC Arsenal – und das mit Erfolg. 2019 wird sie englischer Meister, ehe die Steirerin Anfang des Jahres auf Leihbasis bei den Tottenham Hotspurs anheuert. Ein Gespräch über die Entwicklung des nationalen und internationalen Frauenfußballs, historische Rekorde, die EURO in ihrer Wahlheimat England und Berufsfelder abseits des runden Leders.

Frau Schnaderbeck, wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung im internationalen Frauenfußball?

International – besonders in England – gibt es ein enormes öffentliches Interesse am Frauenfußball. Im FA-Cup Finale in England ist beispielsweise mit 50.000 Fans im Stadion erneut ein Zuschauerrekord gebrochen worden. Der FC Barcelona schaffte in der Champions League mit knapp 92.000 Fans im Camp Nou ebenfalls Historisches.

Und in Österreich?

Die Situation in Österreich ist für mich etwas schwerer zu beurteilen, da ich nicht vor Ort bin. Von außen betrachtet, tut sich einiges: Bundesligavereine stellen ihre Kader breiter auf, investieren und dürfen zum Teil in den Stadien der Männer spielen. Der ORF überträgt die Spitzenspiele der Liga und die Partien der österreichischen Nationalmannschaft. Der Trend geht in eine positive Richtung. Leider gibt es immer noch sehr wenige Männer-Bundesligaklubs, die auch eine Frauenmannschaft besitzen.

In dieser Saison – Sie haben es bereits angesprochen – wurde in der Champions League beim Viertel- und Halbfinale der Frauen im Camp Nou des FC Barcelona mit knapp 92.000 Zusehern jeweils der Weltrekord für ein Frauenfußballspiel gebrochen. Durften Sie in Ihrer Karriere Ähnliches erleben?

In England war ich live dabei, durfte selbst in großen Stadien wie dem Wembley, Emirates, Tottenham Hotspur und Falmer Stadium spielen. Zudem konnte ich hautnah mitverfolgen, wie beispielsweise Sky oder BBC als Fernsehstationen mit an Bord geholt wurden.

»Letztendlich bräuchten mehr Männer- Bundesligavereine ein Frauenteam und Menschen, die sich dort mit Herzblut und entsprechendem Know-how für den Frauenfußball engagieren.«

Haben Sie Ambitionen, für den FC Barcelona zu spielen?

Barcelona ist sportlich aktuell das Nonplusultra im Frauenfußball. Man gönnt es den Spielerinnen, die diesen Hype miterleben dürfen. Sie haben es sich verdient. Ich muss aber nicht unbedingt dort spielen. Wenn ich auf meine bisherige Zeit in England zurückblicke, war ich immer megaglücklich, also warum sollte ich etwas daran ändern?

Wie kann der positive Trend des Frauenfußballs genutzt werden?

Dieser positive Trend des öffentlichen Interesses birgt immense Chancen. Es springen Medienpartner und Sponsoren an Board. DAZN hatte beispielsweise vergangene Saison sehr gute Einschaltquoten. Der Frauenfußball hat viel Potential, das von immer mehr Medien erkannt wird. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung.

Im Sommer findet in Ihrer Wahlheimat England die Europameisterschaft der Frauen statt. Beim Eröffnungsspiel gegen England am 6. Juli 2022 dürfen Sie aller Voraussicht nach das ÖFB-Team als Kapitänin aufs Feld führen. Geht damit ein Traum in Erfüllung?

a absolut, ich wusste lange Zeit nicht, ob ich aufgrund meiner schweren Knieverletzung überhaupt dabei sein kann. Von meiner Wohnung sehe ich auf das Wembley Stadion – insofern ist das schon Wahnsinn. Auch der Historie rund um das ehrwürdige Old Trafford, in dem das Eröffnungsspiel stattfindet, ist man sich bewusst. Der EM-Halbfinaleinzug in den Niederlanden 2017 war der erste Traum, aber diesmal wird es eine noch viel größere Bühne geben. Das miterleben zu dürfen, ist ein Privileg, das sich viele junge Mädels und Burschen wünschen und erträumen.

KRITISCH »Seit ich in Deutschland beim FC Bayern gespielt habe, ist die Bundesliga in ihrer Entwicklung stehen geblieben« | © Viktoria Schnaderbeck

Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ist nach dem Sommermärchen 2017 hoch. Verstärkt sie den Druck für Ihr Team oder gibt sie zusätzlichen Auftrieb?

Sowohl als auch. Unsere eigenen Erwartungshaltungen sind ebenfalls gestiegen, wir zählen aber nicht zu den Favoriten. Aus diesem Grund rechnet in der Öffentlichkeit niemand mit einem Turniersieg. Im Fußball ist aber bekanntlich alles möglich. In diesem Sport werden unglaubliche Geschichten geschrieben. Daher ist es wichtig, dass man groß träumt und alles für seine Träume tut.

Sie spielen bereits seit vier Jahren in London, aktuell bei den Tottenham Hotspurs. Nach langer Verletzungspause kamen Sie wieder regelmäßig zum Einsatz. Wie zufrieden sind Sie mit der Performance des Klubs und Ihrer eigenen in dieser Spielzeit?

In der ersten Saisonhälfte war ich bei Arsenal größtenteils verletzt. Champions League zu spielen war für mich zwar großartig, für mein Knie allerdings weniger. Zwischen September und Oktober bin ich wieder ins Training eingestiegen. Es fehlte mir allerdings die regelmäßige Trainings- und Spielpraxis.

Das war für mich ein Mitgrund, weshalb ich im Winter die Leihe zu den Tottenham Hotspurs angetreten bin – mit dem Ziel, mehr Spielzeit zu bekommen. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Ich bin körperlich wieder fit, habe regelmäßig gespielt und habe wieder Lust am Fußballspielen.

Bevor Sie zu den Tottenham Hotspurs gewechselt sind, waren Sie bis Anfang des Jahres bei Arsenal London. Worin liegen die größten Unterschiede zwischen den beiden Klubs?

Arsenal ist regelmäßig in der Champions League vertreten, spielt um den Ligatitel mit und verfügt daher über eine andere Breite des Kaders sowie über eine höhere individuelle Klasse. Man muss jedoch anmerken, dass die Spurs erst seit drei Jahren in der höchsten englischen Liga sind. Aus diesem Grund ist es ein großer Erfolg für den Klub, um die Champions-League-Plätze mitspielen zu können.

Auch infrastrukturell ist der Nordlondoner Verein exzellent aufgestellt. Es gibt ein eigenes Gebäude für die Frauenmannschaft, in dem es Essensmöglichkeiten, ein Fitnessstudio, Kabinen, Physio- sowie Besprechungsräume gibt. Zudem steht uns nebenan ein Fußballplatz zur Verfügung. Das hat es zu meiner Zeit bei Arsenal nicht gegeben.

»Es gibt nur sehr wenige Spielerinnen, die finanziell ausgesorgt haben – und auch nur dann, wenn sie ihr Geld gezielt anlegen.«

Was sind die Unterschiede zwischen der deutschen und englischen Liga?

Die deutsche und englische Liga haben ein hohes Niveau. Die englische Women’s Super League ist sehr physisch, mit viel Tempo und Körperlichkeit – ähnlich wie bei den Männern. Die Spiele verlangen dir alles ab. Die deutsche Liga ist im Gegensatz dazu sehr von Taktik geprägt, auch in der Defensive. Die Mannschaften sind taktisch sehr gut eingestellt.

Allerdings passiert auf der Insel auch rund um den Fußball mehr als in Deutschland – Stichwort Zuschauerzahlen und finanzielle Aspekte. In Summe ist es für viele Spielerinnen sehr reizvoll, in die englische Liga zu wechseln. Die Dichte der Klubs ist in England wesentlich höher. Seit ich in Deutschland beim FC Bayern gespielt habe, ist die Bundesliga in ihrer Entwicklung stehen geblieben.

Wo müsste man in Österreich ansetzen, um den Ligabetrieb im Frauenfußball attraktiver zu gestalten?

Letztendlich bräuchten mehr Männer-Bundesligavereine ein Frauenteam und Menschen, die sich dort mit Herzblut und entsprechendem Know-how für den Frauenfußball engagieren. Positive Beispiele wie St. Pölten sollte es mehr geben. Es bedarf in jeglicher Hinsicht professionellerer Strukturen, denn was die beiden großen Ligen zu Österreich unterscheidet, ist das Niveau. Ein Wiener Derby – Rapid gegen Austria – wäre auch sicher für die Fans interessant.

Was würden Sie einem aufstrebenden österreichischen weiblichen Fußballtalent raten?

Es muss nicht für jedes Talent der Weg, den ich bestritten habe, der Richtige sein. Manchmal muss man Risiken eingehen und über den eigenen Schatten springen – das ist meine Botschaft! Ich würde jedem jungen Mädel raten, ein zweites Standbein aufzubauen, weil es beispielsweise aufgrund von Verletzungen mit der Karriere sehr schnell vorbei sein kann. Es gibt parallel zur fußballerischen Ausbildung sehr gute Schul- beziehungsweise Studienmodelle sowie Sponsoren, die tolle Ausbildungs- und Arbeitsplätze anbieten.

DANKBAR FÜR IHRE KARRIERE »Das miterleben zu dürfen, ist ein Privileg, das sich viele junge Mädels und Burschen wünschen und erträumen« | © ÖFB

Können Profifußballerinnen von ihrem Gehalt leben?

In den Top-Ligen kann man davon leben, aber auch nicht bei jedem Verein. Es gibt nur sehr wenige Spielerinnen, die finanziell ausgesorgt haben – und auch nur dann, wenn sie ihr Geld gezielt anlegen. Das trifft auf die Top 20 Spielerinnen zu.

Sie sind parallel zu Ihrer Profikarriere auch als Keynote-Speakerin und Consultant tätig, wirken bei verschiedenen Podcasts mit und haben auf LinkedIn ein eigenes Format namens »Coffee Talk« ins Leben gerufen. Erzählen Sie uns, was es damit auf sich hat.

Als Keynote-Speakerin halte ich Impulsvorträge für unterschiedliche Unternehmen und Organisationen zu Themenschwerpunkten wie Frauenpower, Erfolgsteams, Motivation sowie den Umgang mit Rückschlägen und Druck. Als Consultant arbeite ich mehr im 1:1-Bereich, berate und begleite Menschen auf ihrer beruflichen Laufbahn.

Auf LinkedIn gibt es ein eigenes Format von mir, das sich »Coffee Talk« nennt. Als leidenschaftliche Kaffeeliebhaberin nutze ich dort die Gelegenheit, um mit der Community zu diskutieren und beispielsweise Tipps zu geben, wie man sich nach acht Operationen immer noch motivieren kann. Bei den Podcasts gewähre ich persönliche Einblicke in mein Leben.

Inwiefern spielen diese Projekte für die Karriere nach der Karriere eine Rolle?

Es war mir immer wichtig, dass ich mir neben dem Fußball etwas aufbaue. Durch diese Projekte habe ich das Gefühl, für die Karriere danach vorbereitet zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, später kombinierend als Speaker und Coach zu arbeiten. Auch dort habe ich wie als Sportlerin nur die höchsten Ansprüche an mich selbst. Der Durchschnitt reicht mir nicht! Ich könnte bereits jetzt unabhängig vom Fußball davon leben, auch wenn ich meinen Hauptverdienst immer noch aus dem Fußballsport generiere.

Welche Rolle spielt Social Media in Ihrer Eigenvermarktung?

Ich habe einen Berater, der das Sportliche abdeckt, alles darüber hinaus mache ich selbst – auch im Bereich Social Media. Für mich bieten die sozialen Netzwerke eine großartige Möglichkeit, diverse Botschaften zu senden. Prinzipiell bin ich im Sportbereich vor allem auf Facebook und Instagram aktiv. LinkedIn nutze ich in erster Linie für meine Tätigkeit als Keynote-Speakerin. Ich möchte mir ein starkes Netzwerk an Partnern aufbauen und dieses pflegen. Daher schätze ich auch den persönlichen Kontakt zu Sponsoren und Medien.

Welche Sponsoren begleiten Sie?

Aktuell habe ich eine Partnerschaft mit dem italienischen Kaffeeunternehmen Lavazza, da ich eine große Kaffeeliebhaberin bin und das Unternehmen sich auch im Bereich der Nachhaltigkeit engagiert. Puma ist mein Ausrüstungssponsor, der meine Schuhe individuell anfertigt, Vitamin Well stattet mich mit Sport- und Proteingetränken aus und kürzlich konnte ich mit Geomix, den größten Einzelhändler für Sportbekleidung im Onlinebereich, als neuen Partner gewinnen. Bei meinen Partnerschaften mit Sponsoren ist es mir wichtig, dass nicht das Geld oder die eigene Person im Vordergrund stehen, sondern dass man gemeinsam Dinge bewegt und Botschaften sendet.

Sie haben in Ihrer Karriere bereits zahlreiche Erfolge feiern dürfen, angefangen von deutschen und englischen Meistertiteln, über den deutschen Pokalsieg, bis hin zum sensationellen EM-Semifinaleinzug 2017 mit dem ÖFB-Team. Wie geht es in der Zukunft weiter und ist ein etwaiges Karriereende bereits absehbar?

Mein Vertrag bei Arsenal London läuft aus. Ich führte bereits sehr gute Gespräche mit meinem Leihverein Tottenham Hotspur, da ich mich dort sehr wohl fühle. Ein englischer Verein steht in jedem Fall auf meiner Wunschliste. Die finale Entscheidung über meine Zukunft werde ich allerdings erst nach der EURO treffen.

Der Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft, es können sich Dinge sehr schnell ergeben. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass man ab dem 30. Lebensjahr im Fußballsport nicht mehr allzu viel vorausplanen sollte. Und wie lange man spielt, hängt stark davon ab, wie fit man ist und was sich für einen selbst richtig anfühlt. Für diesen Prozess sollte man sich Zeit nehmen. Diese Nachdenkphase, die ich mir als junge Spielerin nicht immer gegeben habe, gebe ich mir nun in einem gereifteren Alter.

Frau Schnaderbeck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. #

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