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Alle Fotos: ÖFB/Christopher Glanzl | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 31. Ausgabe des Sport Business Magazin (02-2021) erschienen.

FRAUENFUSSBALL Mit dem Erreichen des EM-Halbfinals 2017 entfacht das Frauennationalteam nach vielen Anlaufschwierigkeiten einen noch nie dagewesenen Hype in Österreich. Mit Irene Fuhrmann, 41, der ersten Teamchefin in der österreichischen Fußballgeschichte, soll diese Begeisterung weiter ausgebaut werden. Die Cheftrainerin über Gleichberechtigung, Erwartungshaltung, langfristige Ziele, ungerechte Bezahlung und die Rolle als Underdog.

In der Geschichte des Frauenfußballs nimmt Österreich eine Vorreiterrolle ein. Bereits im Jahr 1924 wurde mit dem 1. Wiener Damenfußballklub »Diana« der erste reine Frauen-Fußballverein Österreichs gegründet. Die erste Meisterschaft kommt 1936 mit neun Vereinen aus dem Wiener Raum zur Austragung, wobei die Heimspiele der Vereine durchschnittlich von 3.000 Zuschauern besucht werden. Das vorzeitige Ende des österreichischen Frauenfußballs kommt 1938 durch das Deutsche Reich.

Die Unterdrückung des Frauensports in der Zeit des Nationalsozialismus wirkt nach Kriegsende noch lange nach. Obwohl im Jahr 1957 der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) Frauenabteilungen verbietet, kommt es Ende der 1960er-Jahre zu einer Wiederbelebung des Damenfußballs. Nach einem stetigen Zuwachs an Frauenmannschaften schreibt der Wiener Fußballverband im Jahr 1972 erstmals seit den 1930er-Jahren eine österreichische Meisterschaft im Frauenfußball aus.

Im Jahr 1990 wird die österreichische Fußballnationalmannschaft der Frauen gegründet, welche 2017 bei der Europameisterschaft in den Niederlanden mit dem Einzug ins Halbfinale den bisherigen Höhepunkt erlebt. Durch diesen Erfolg, unter der Leitung von Dominik Thalhammer, entfachen die Frauen einen regelrechten Hype in ihrer Heimat. Mit dem Vorarlberger Unternehmen Planet Pure wird ein Sponsor für die Bundesliga gefunden, Ligaspiele werden regelmäßig live übertragen und der ÖFB setzt Marketingmaßnahmen mit dem Ziel, den Stellenwert des Frauenfußballs zu erhöhen.

Auf Dominik Thalhammer, der im Sommer 2020 nach neun Jahren als Teamchef Cheftrainer des LASK wird, folgt seine Assistentin Irene Fuhrmann. Sie ist die erste Frau des Landes, die in der »Männerdomäne« Fußball eine Trainer-Spitzenposition einnimmt. Unter der 40-Jährigen wird die EM-Qualifikation erfolgreich zu Ende geführt und so qualifiziert man sich zum zweiten Mal in Folge für die Endrunde. Die erste Teamchefin in der Geschichte des österreichischen Fußballs gibt ein Jahr vor der EM in England exklusive Einblicke in die heimische Liga, spricht über ein gemeinsames Projekt mit der UEFA und richtet einen Apell an die heimischen Top-Klubs Red Bull Salzburg und Rapid Wien.

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TRAUMBERUF FUSSBALLERIN »Den genauen Verdienst meiner Spielerinnen will ich gar nicht wissen«

»Solange es der Markt nicht hergibt, kann man es nicht forder«

Die Diskussionen um Gleichberechtigung beim Verdienst gibt es in jeder Berufssparte, jedoch ist die Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau nirgends so deutlich wie im Fußball: Männerfußball ist ein Kassenschlager, Frauenfußball ein Ladenhüter. Heimische Teamspieler verdienen Millionen, Teamspielerinnen, die im Ausland agieren, etwa so viel wie Bilanzbuchhalterinnen. Die Top-Gehälter in der Frauen-Bundesliga in Österreich liegen im Schnitt bei 18.000 Euro brutto im Jahr. Irene Fuhrmann ist sich dieser Benachteiligung rund um ihre Damen bewusst: »Den genauen Verdienst meiner Spielerinnen will ich gar nicht wissen. Ich weiß nur, dass viele nebenbei arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren, um den Kopf freizubekommen.« Sie trete auch dafür ein, »dass eine Fußballspielerin irgendwann das Gleiche verdienen soll wie ein Fußballspieler. Aber wer spielt das Geld ein? Solange es der Markt nicht hergibt, kann man es auch nicht fordern.« Daher sei es wichtig, dass die Mädchen in der ÖFB-Frauen-Akademie ihre Schule erfolgreich absolvieren und eine Ausbildung machen.

Budgetär kann der sechsfache Frauenfußballmeister SKN St. Pölten nicht mit der Spitze Europas mithalten. Zwar gelten die angemeldeten und sozialversicherten 14 Spielerinnen als Profis mit kollektivvertraglichem Mindestlohn, aber die deutschen Topvereine wie der VfL Wolfsburg oder der FC Bayern können ihre Spielerinnen mit einem Budget von zwei bis drei Millionen Euro höher entlohnen. Olympique Lyon, in den vergangenen 14 Jahren ununterbrochen Meister in Frankreich, hat mit acht Millionen Euro so viel Budget wie der gesamte Bundesligaverein St. Pölten – Männer und Frauen – zusammen. Ein Kader mit 20 Spielerinnen kann pro Saison eine Million Euro kosten. Der Bundesligist TSV Hartberg beispielsweise hat ein Budget von nicht einmal fünf Millionen Euro und müsste daher für eine Damenmannschaft mehr als ein Fünftel seines Etats aufbringen.

ERSTE TEAMCHEFIN ÖSTERREICHS »In Interviews muss ich mich bis eute fast rechtfertigen, warum ich als Frau in dieser Position bin« 

»Wir haben zu wenige Fußballerinnen«

In der Bundesliga herrscht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft und die Kluft zwischen Ost und West ist deutlich spürbar. »Der Westen holt aber kontinuierlich auf. Das sehen wir in den Nachwuchsnationalteams, in denen in jeder Altersklasse bereits Mädchen aus Vorarlberg vertreten sind«, freut sich Fuhrmann. Trotz aller Bemühungen der Vereine und Verbände sieht der Liga-Alltag ernüchternd aus: Statt in großen Stadien laufen die Damen auf Nebenplätzen vor oft nicht einmal 100 Zuschauern auf. Das Problem besteht an der Basis, da sich wenige Vereine Mädchenteams leisten. »Uns fehlt es an der Breite. Wir können kein U23-Nationalteam gründen und so müssen wir schauen, dass die Mädchen von der U19 gut in das A-Team überführt werden.« Selbst renommierte Herren-Bundesligisten wie der FC Red Bull Salzburg und der SK Rapid Wien betreiben keine Frauenteams.

Als fünftes Bundesligateam hat der LASK, nach Austria Wien, SK Sturm Graz, SKN St. Pölten und SCR Altach, vor kurzem eine Frauenmannschaft gegründet. Bei diesem Thema hat der österreichische Klubfußball Nachholbedarf und so fordert beispielsweise die SPÖ-Politikerin Julia Herr ein verpflichtendes Frauenteam pro Bundesligist. »Natürlich macht es in der Außenwahrnehmung einen Unterschied, ob ein Mädchen beim SK Rapid, FC Red Bull Salzburg oder FC Südburgenland spielt«, meint Fuhrmann. »Es wäre sinnvoll, wenn die Klubs es freiwillig machen. Leider erkennen die Vereine den Mehrwert an einer Damenmannschaft nicht. Bei uns herrscht im Gegensatz zum Männerfußball eine familiäre Atmosphäre, die Klubs könnten mit Frauenfußball eine andere Zielgruppe erreichen und ihre Fanbase erweitern.«

Seit dem Halbfinaleinzug bei der EM 2017 ist ein Zuwachs im Frauenfußball spürbar. In der Saison 2020/21 sind in Österreich 246 Frauen- und 93 Mädchenteams gemeldet. Das sind laut ÖFB 20.000 Spielerinnen. Für Fuhrmann noch viel zu wenige. Darunter leide auch der Ligabetrieb – qualitativ und quantitativ. »Hier hat die UEFA ein tolles Projekt, an dem sich der ÖFB seit der Geburtsstunde 2020 beteiligt, eingeführt. ›Playmakers‹ soll Fünf- bis Achtjährige zum Fußball bringen. Damit dies gelingt, werden wir das Projekt an noch mehr Standorten österreichweit anbieten«, freut sich Fuhrmann.

Einen großen Anteil am aufsteigenden Weg des Damennationalteams hat die ÖFB-Akademie in St. Pölten. Sie gilt als das Elite-Ausbildungszentrum des heimischen Frauenfußballs, in der die drei Teamchefs (U17, U19 und A-Team) mit den zehn besten Spielerinnen jedes Jahrgangs aus ganz Österreich bis zu siebenmal die Woche trainieren. Die Gründung des Ausbildungszentrums bezeichnet Fuhrmann, die als einzige Österreicherin im Besitz der UEFA-Pro-Lizenz, das höchste Trainer-Diplom des europäischen Fußballverbandes, ist, als Meilenstein im heimischen Damenfußball: »Der ÖFB nahm 2011 viel Geld in die Hand und entschied sich dafür, an der Spitze anzusetzen. Durch die Installation des Nationalen Zentrums konnten wir einen großen Schritt nach vorne machen. Vor allem im Hinblick auf das Frauennationalteam. Im Nachwuchs konnten wir die Ausbildungslücke der Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren schließen. Das zeigten später auch die Ergebnisse, als wir Anschluss an die europäische Spitze fanden.« Neben dem Standpunkt in Niederösterreich haben Sturm Graz und Austria Wien seit kurzem ihre eigenen Akademien, in denen Spielerinnen auf sehr hohem Level ausgebildet werden. Zum Vergleich: Für die männlichen Nachwuchskicker gibt es zwölf Akademien in Österreich.

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IRENE FUHRMANN »Uns fehlt es an der Breite«

Erwartungshaltung gestiegen

Den eingeschlagenen Weg von Vorgänger Dominik Thalhammer, der von 2011 bis 2020 beim ÖFB für die Damen zuständig war, möchte Fuhrmann weiterführen: »Dominik hatte eine Vision im Frauenfußball, die er über Jahre erfolgreich umgesetzt hat. Die gilt es, weiterzuführen. Ich übernahm die Position als Teamchefin in der entscheidenden Phase der EM-Quali und wir erreichten das Ziel Europameisterschaft 2022. Das war ein sehr schöner Einstieg für mich, für den ich allen Beteiligten sehr dankbar bin.« Aufgrund des Halbfinaleinzugs von 2017 wird die Erwartungshaltung für die Endrunde sehr hoch sein, »aber das ist typisch österreichisch. Für mich ändert sich die Rolle zu 2017 nicht. Wir sind weiterhin der Underdog. Man darf nicht vergessen, dass es erst die zweite EM-Endrunde in der Geschichte des österreichischen Damenfußballs ist. Dennoch müssen wir uns einiges zutrauen und groß denken.«

Mit der neuen Drucksituation werden sich die ÖFB-Damen intensiv auseinandersetzen, um das »Wunder« von 2017 bei optimalem Turnierverlauf wiederholen zu können. Zu den Favoriten zählt die Auswahl allerdings nicht. »Nationen wie Frankreich, England, Deutschland, Schweden oder die Niederlande haben ganz klar die Nase vorne.« Beim Erfolg 2017 spielte das ÖFB-Team das ganze Turnier Großteils mit der gleichen Mannschaft. Im physischen Bereich konnten die Top-Nationen nach der Gruppenphase noch einmal zulegen, während den heimischen Kickerinnen die Kräfte ausgingen. »Wir haben keinen Superstar in unsere Truppe, der Spiele entscheidet. Wir versuchen über das Kollektiv, gegen die großen Teams zu bestehen.«

Ein weiteres Ziel von Fuhrmann ist die Weltmeisterschaft 2023. Eine Teilnahme wäre historisch, denn bisher konnte sich das Damennationalteam noch nie für eine WM-Endrunde qualifizieren. Das soll sich unter der Leitung von Fuhrmann ändern: »Ich hoffe, dass dieses große Ziel zusätzliche Kräfte bei meinen Spielerinnen freisetzt, auch wenn der Qualifikationsweg schwierig ist.« Es qualifizieren sich lediglich die Gruppenersten fix für die WM, die Gruppenzweiten müssen ein mehrstufiges Playoff durchlaufen. »England ist haushoher Favorit in unserer Gruppe. Wir wollen den zweiten Platz erreichen, damit unser Traum von der ersten WM lebt.« Mit der Verwirklichung des WM-Traums würde die gebürtige Wienerin auch die letzten Bedenken an ihrer Berufung zur Teamchefin aus der Welt schaffen.

 

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DAS TEAM IST DER STAR »Wir haben keinen Superstar in unsere Truppe, der Spiele entscheidet. Wir versuchen über das Kollektiv, gegen die großen Teams zu bestehen.«

Mit einem derartigen Erfolg könnte Fuhrmann auch als Trainerin im Männerfußball gehandelt werden: »Meine Herzensangelegenheit ist der österreichische Frauenfußball, da ich seit 20 Jahren hautnah die Entwicklungen miterlebe. Solange ich mich gewinnbringend einbringen kann, möchte ich das fortführen. Grundsätzlich muss es aber egal sein, ob ein Mann oder eine Frau einen Cheftrainerposten innehat. Es geht um die fachliche Kompetenz, den Umgang mit Menschen und Führungsqualitäten. Derzeit scheitert es leider an der Gesellschaft. Es wäre ein absolutes Novum, wenn sich ein Verein über dieses Thema trauen würde.« Dies sei aber kein österreichisches Problem. Es gäbe keine einzige professionelle Männerliga, in der eine Frau an der Seitenlinie die Kommandos gibt. »Es würde genug Frauen geben, die sich dies zutrauen würden und auch machen wollen. Irgendwann wird es so weit sein, aber bis dahin wird es wohl noch einige Jahre dauern.« Das mediale Echo wäre wohl extrem. »Bereits bei meiner Bestellung zur Teamchefin des Frauen-Nationalteams war die Berichterstattung ungewöhnlich groß. In Interviews muss ich mich bis heute fast rechtfertigen, warum ich als Frau in dieser Position bin.«

Auch daran sieht man, dass der Fußball noch immer eine Männerdomäne ist, obwohl das Geschlecht keine Rolle spielen sollte. Möglicherweise kann sich Fuhrmann ein weiteres Mal, nach dem Eintrag als erste Teamchefin Österreichs und als erste Dame im Besitz der UEFA-Pro-Lizenz, als zukünftige erste Trainerin einer Männermannschaft in die Geschichtsbücher des österreichischen Fußballs eintragen. #

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