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Foto: instagram.com/Cristiano

GASTBEITRAG Welche mentalen Werkzeuge unterstützen Spieler, Trainer und Mannschaften bei Großereignissen, um ihre Top-Leistungen abzurufen? Mentalcoach Wolfgang Seidl erläutert, was Nationalteams aus der Vergangenheit für die WM in Katar lernen können.

Wir können regelmäßig beobachten, wie Spieler und Teams mit allerhöchstem Leistungsvermögen speziell bei Großereignissen in den entscheidenden Momenten ihre maximale Leistung nicht abrufen können. Ein passendes Beispiel ist das türkische Fußballnationalteam. Obwohl sie die Qualifikation für die EM 2020 souverän meisterten, konnten sie ihr Potential im Turnier selbst nicht erfüllen.

Sie schieden mit null Punkten bereits in der Vorrunde aus. Sehr verwunderlich, da sie als Geheimfavorit gehandelt wurden und top-vorbereitet und mit viel Selbstvertrauen anreisten. Allerdings geht es im Spitzensport oft gar nicht so sehr darum, ob ein Team eine bestimmte Leistung erreichen, sondern auch abliefern kann, wenn es drauf ankommt. Das macht ein Turnier auch so spannend für die Zuseher.

Haben sie die Nerven? Verwandelt der Spieler den Elfmeter? Ein ganzes Land zittert, obwohl die Aufgabe, einen Ball aus elf Meter Entfernung in ein Tor von 7,32 Meter Breite und 2,44 Meter Höhe zu schießen, für einen professionellen Fußballer nicht besonders schwierig erscheint. Trotzdem scheitern die besten Spieler an dieser scheinbar leichten Aufgabe – so wie Marcus Rashford beim EM-Finale England gegen Italien. Wie kann so etwas passieren? Sehen wir uns die Situation aus sportpsychologischer Ebene etwas genauer an.

Passend dazu ein kurzer Abstecher zu Dr. Bruno Demichelis, der viele Jahre als Sportpsychologe die Spieler beim AC Milan betreute. Während dieser Zeit erzählte ihm einer der Milan-Stars, was er bei einem wichtigen Elfmeter erlebte. Kurz vor dem Schuss kam ihm ein Gedanke in den Kopf: »Was, wenn ich verschieße?« Dass traf ihn enorm. Er fing an den Ball anzusehen, als wäre es ein Tiger. Dann blickte er zum Trainer, noch ein Tiger. Dann blickte er zu seinen Teamkollegen, weitere 22 Tiger. Dann blickte er ins Publikum und dachte an die Zuseher vor den Fernsehschirmen, Millionen von Tigern, die ihn beobachteten. Er zitterte, war verwirrt und fing beinahe zu weinen an.

Wenn Spieler unter der Beobachtung von tausenden Zusehern zum Performen verdammt sind, kann enormer Stress entstehen. Unter Stress kommt es zu einer neuronalen Übererregung. Die Wahrnehmung verengt sich und erzeugt ein Gefühl von ausgeliefert sein. Die Muskeln verkrampfen sich und die Feinmotorik ist gestört. Damit ist es aus psychologischer Sicht erklärbar, warum Rashford unter dieser Anspannung den Elfmeter verschossen hat.

Können sich Spieler auf solche außergewöhnlichen Situationen vorbereiten und trotz enormen Drucks cool bleiben? Ja, sie können, wenn sie sich präventiv, mental darauf vorbereiten. Spieler wie Cristiano Ronaldo haben sich spezielle Routinen arbeitet, um ihren Erregungsgrad zu regulieren, ihre Muskulatur zu lockern und mit vorbereiteten Selbstanweisungen ihre Aufmerksamkeit wieder ins Hier und Jetzt zu lenken.

Sportler mit einer hohen Kompetenzerwartung sind in einer bestimmten Situation überzeugt, dass ihnen alle für die Bewältigung dieser Situation notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen und sie diese auch erfolgreich einsetzen können. Viele wissenschaftliche Studien bestätigen, dass diese subjektive Überzeugung eine zentrale und wichtige Rolle in der Entstehung von Spitzenleistungen spielt.

Auch das Versagen eines ganzen Teams, wie bereits erwähnt, am Beispiel der Türkei, erleben wir bei den großen Turnieren schon in den Vorrunden. Nicht nur, dass Teams dem Druck nicht gewachsen sind, oft stolpern sie auch an ihrer Selbstüberschätzung oder zu lockeren Einstellung gegenüber schwächeren Gegnern. Erinnern wir uns an die WM 2014, wo Spanien gegen Chile oder Italien gegen Costa Rica verlor. Bei der WM 2018 schied Deutschland durch Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea bereits in der Vorrunde aus.

Der kollektive mentale Zustand eines Teams entwickelt sich durch die jeweilige Herausforderung. Die Teammitglieder bewerten individuell die auf sie zukommenden Gegner in Relation zu den wahrgenommenen eigenen Ressourcen. Die am Ende erfolgreichen Teams haben ein großes Selbstvertrauen und sind sich ihrer Stärken bewusst, dennoch haben sie den notwendigen Respekt, jeden Gegner als ernsthafte Bedrohung zu sehen.

Ein Problem für viele Teamchefs auf die WM-Vorbereitung ist die limitierte Vorbereitungszeit mit dem gesamten Team. Es bleibt meist zu wenig Zeit, um ihre Spielsysteme so einzustudieren, damit die Spieler diese am Spieltag automatisiert abrufen können. Noch weniger Zeit bleibt, um Strategien zu erarbeiten, wie die Spieler mit den unterschiedlichsten Eventualitäten, wie zum Beispiel der Umgang mit einer 1:0 Führung gegen einen viel stärkeren Gegner oder in Rückstand geraten gegen einen schwächeren Gegner, umgehen sollen. Dabei wäre es aus sportpsychologischer Sicht so wichtig, auf diese Eventualitäten vorbereitet zu sein. Erst die gefühlte Sicherheit – Komme, was wolle, wir sind bereit – resultiert in einer ausgeprägten und stabile Kompetenzüberzeugung.

Das ist auch der Grund, warum Piloten im Simulator regelmäßig und präventiv schwierige Situationen wie einen Triebwerksausfall oder Notlandungen trainieren. Die Piloten eignen sich dadurch eine gesteigerte eigene Überzeugung, für nahezu jede mögliche Herausforderung an und wissen, wie sie im Extremfall reagieren müssen.

Aber auch die Teamchefs könnten mit Unterstützung der Sportpsychologie, ihr Team bereits Monate vor dem großen Event auf die unterschiedlichsten Herausforderungen vorbereiten. Dazu bräuchte es regelmäßiges Vorstellungstraining. Denn durch das zusätzliche mentale Training in der Vorstellung kann eine sehr hohe Anzahl an Wiederholungsvorgängen erreicht und ein hohes Maß an Expertise entwickelt werden.

Die Wissenschaft hat bestätigt, dass in der Vorstellung einer bestimmten Handlung dieselben neuronalen Areale aktiviert werden, wie die tatsächliche Ausführung dieser Handlung. Für das Gehirn macht es also kaum einen Unterschied, ob die Handlung vom Sportler intensiv vorgestellt oder tatsächlich durchgeführt wird. #

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