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Foto: #boykottspende

GASTBEITRAG »Lasst uns gemeinsam ›Nein!‹ sagen zur absurdesten WM aller Zeiten.« So lautet der Slogan der Fan-Initiative #boykottspende. Für jedes Spiel, das bei der umstrittenen Fußball-WM in Katar nicht geschaut wird, wird ein Geldbetrag gespendet. Ein Gastbeitrag von Kommunikationsberater und Mitgründer der Initiative Gregor Faßbender.

Alles an der WM in Katar ist falsch: das Vergabeverfahren, die Jahreszeit, die Klimaanlagen in den Stadien, die angebliche Fußballkultur im Gastgeberland, das Alkoholverbot, das Sexverbot für Nicht-verheiratete, die Gefahren für homosexuelle Fans vor Ort, das Ausblenden von Nachhaltigkeitskriterien, die Arbeitsbedingungen beim Bau der Stadien. Und nicht zuletzt die vielen tausend Menschen, die laut Guardian auf den Baustellen für die Infrastruktur ihr Leben lassen mussten. Deshalb kann es für einen Fußballfan in meinen Augen nur eine Lösung geben: Diesmal bleibt der Fernseher aus.

GREGOR FASSBENDER Der freiberufliche Kommunikationsberater entwickelt Matchpläne für die Kommunikation emotionaler Sportmarken wie Klubs, Ligen und Verbände und setzt sich für den Boykott der Fußball-WM ein. | © Christian Daitche/Fotobonn

Eine Sache gleich vorweg: Ich bin Fußballfan. Ein großer sogar. In der Vergangenheit habe ich jedes WM-Turnier verfolgt. Eng verfolgt. Selbstverständlich habe ich auch die unbedeutenderen Spiele in der Gruppenphase geschaut. Und auch die mit den weniger schillernden Mannschaften. Da gab es keine Diskussionen. 2006, beim Sommermärchen in Deutschland, war ich sogar live in Köln dabei bei der Partie Ghana gegen Tschechien. Ein tolles Spiel. Erstmals ernsthafte Zweifel an dem überhandnehmenden Marketing-Brimborium überkamen mich dann 2018 beim Turnier in Russland. Sollte man den Weltmeister in einem autokratischen Staat ausspielen, der vier Jahre zuvor die Krim annektiert hatte und in dem Homosexuelle von Staatswegen verfolgt werden?

Und noch eine Sache vorweg: Ich bin Sportmanager. Und sehe in meiner ablehnenden Haltung keinen Widerspruch. Ich erkenne also durchaus den Reiz, neue Märkte zu erschließen und das Weltspiel Fußball auch in jene Länder zu bringen, in denen es vielleicht noch nicht so etabliert ist. Und ich kenne auch die Vorwürfe, die Kritik an Ausrichtern wie Russland, Katar oder bei Olympia an China entsprängen einem westlich zentrierten Weltbild. Wer sage denn, dass allein unsere Sicht auf die Dinge die einzig richtige sei? Die Weltfirma Adidas, einer der größten FIFA-Sponsoren übrigens, argumentiert mit Hinweis auf seine globalen Geschäfte ähnlich. Adidas stehe es nicht zu, auf den Fußball-Weltverband lenkend einzuwirken. Denn was in dem einen Teil der Welt richtig sei, sei in dem anderen falsch. Und umgekehrt.

Nicht selten ist mir entgegnet worden, hoffentlich würden die Kritiker an der WM-Vergabe nach Katar auch das Flüssigerdgas (LNG) des Landes ablehnen, mit dem zumindest Deutschland versucht, seinen durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelösten Gasengpass im Winter zu kompensieren. Wobei es dabei einen gewaltigen Unterschied gibt: Irgendwo muss ein Land Alternativen zu russischem Gas ja einkaufen. Hier besteht ein Zwang. Die Vergabe einer Weltmeisterschaft an einen beliebigen Ausrichter ist dagegen nicht zwingend. Niemals. In keiner Form.

BOYKOTT »Katar hat das Fass für mich zum Überlaufen gebracht« | © FIFA Media Channel

Katar hat das Fass für mich zum Überlaufen gebracht. Und deshalb habe ich mit Freunden die Initiative Boykottspende ins Leben gerufen: Fußballfans, die die Wüsten-Weltmeisterschaft im Winter boykottieren wollen, finden dort die Möglichkeit, ihrem Protest auf einer Plattform öffentlich Ausdruck zu verleihen. Unter der Webadresse www.boykottspende.de beziehungsweise dem Hashtag #boykottspende können Sie sich nicht nur als Unterstützer registrieren, sie finden dort auch Gleichgesinnte und alternative Programmangebote zu den 64 Spielen des Turniers.

Das Angebot richtet sich ganz bewusst an uns Fußballfans und nicht an Verbände, Nationalmannschaften oder einzelne Spieler. Zwar habe ich in den vergangenen Monaten aufmerksam verfolgt, dass sich insbesondere skandinavische Länder und skandinavische Sportler mehr als distanziert zeigten, wenn es um Katar ging. Auch habe ich mit Freude den ohnehin meinungsstarken Leon Goretzka vernommen, der die Vergabe an Katar erst kürzlich in einem Interview mit GQ offen anprangerte: »Für uns alle ist es ein Unding, dass die Einhaltung der Menschenrechte bis vor wenigen Jahren kein Vergabekriterium war.« Es wäre aber utopisch zu glauben, weniger als ein halbes Jahr vor Turnierbeginn ein bereits qualifiziertes Team von der Teilnahme abzuhalten. So naiv bin sogar ich nicht. Zudem gibt es Verträge.

Aber wir Fans, wir können noch etwas bewegen. Insbesondere indem wir unsere Fernseher und Mobile Devices ausgeschaltet lassen, sobald es Ende November losgeht. Im Gespräch mit Freunden und weiteren Fußballfans hatten meine Mit-Initiatoren und ich immer wieder festgestellt, dass nahezu alle massiv verärgert waren und die WM am liebsten links liegen lassen würden. Gleichzeitig wussten wir aber auch, wie das mit guten Vorsätzen so läuft. Am Ende wird man doch schwach und schaltet den Fernseher ein. Mit unserer Plattform wollen wir deshalb Zusammengehörigkeit und Verbindlichkeit erzeugen, indem möglichst viele kritische Fans ihre ablehnende Haltung öffentlich bekunden und sich an ihrem Boykottversprechen messen lassen.

ALTERNATIV-SPIELPLAN »Hauptsache, der Fernseher bleibt aus und die Einschaltquote niedrig« | © FIFA Media Channel

Kernelement der Initiative ist die namensgebende Boykottspende. Für jedes Spiel, das ein Fan tatsächlich boykottiert und nicht schaut, spendet er einen symbolischen, selbst festgelegten Betrag an eine gemeinnützige oder wohltätige Aktion – ähnlich den Saisonspende-Aktionen, die viele Fans bereits seit Längerem erfolgreich praktizieren. Die Spenden dürfen gerne etwas mit Fußball zu tun haben: Das kann der Amateurverein um die Ecke sein. Denkbar sind auch die Jugendarbeit des Lieblingsvereins aus dem Profibereich oder Projekte zur Förderung von Diversität (aktuelles Stichwort: Frauenfußball!) und zur Bekämpfung von Rassismus. Selbstverständlich darf auch gespendet werden, wenn ein Unterstützer wider Erwarten schwach wurde und entgegen seinem Vorsatz doch (heimlich) geschaut hat. Dann darf es gerne auch etwas mehr sein.

Darüber hinaus soll die Plattform eine Art Alternativ-Spielplan bieten, der zu jeder Partie attraktive Angebote vorschlägt. Das kann eine Fußball-Lesung sein, eine private Partie Tipp-Kick oder auch ein Match auf dem Bolzplatz. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Hauptsache, der Fernseher bleibt aus und die Einschaltquote niedrig. Die Vorschläge für Spendenziele und Alternativprogramme sollen übrigens von den Unterstützern selbst kommen, ebenso wie von Vereinen, Aktionsbündnissen und Gastronomen et cetera.

Die Initiative bietet über ihre Website eine Reihe von Social-Media-Assets an. Mit diesen lassen sich der persönliche Boykott sowie die Teilnahme an den alternativen Aktivitäten während der Spiele reichweitenwirksam in den sozialen Kanälen verbreiten. Auf dass möglichst viele Fernsehgeräte ausgeschaltet bleiben. #

Gregor Faßbender

Gregor Faßbender

Inhaber FASSBENDER SportsCom

Gregor Faßbender (Jahrgang 1968) verfügt über mehr als 25 Jahre Führungserfahrung in strategischer Kommunikationsarbeit sowohl auf Unternehmens- wie auch auf Agenturseite. Sein Schwerpunkt lag lange Zeit auf der Kommunikation für und bei Finanzdienstleister(n). Zuletzt leitete er die Kommunikationsabteilungen der Volkswagen Financial Services AG in Braunschweig und der AXA Konzern AG in Köln.

2015 erwarb der Diplom-Volkswirt zusätzlich einen MBA in Sportmanagement. Drei Jahre später machte er sich mit FASSBENDER SportsCom selbstständig und somit seine Leidenschaft zum Beruf. Seitdem entwickelt er als freiberuflicher Kommunikationsberater ausschließlich Matchpläne für die Kommunikation emotionaler Sportmarken wie Klubs, Ligen und Verbände.